oben das Bild: Saraha und die Pfeilmacherin
diese Gruppe gestaltete Anne Wellershaus für mich.
Über Saraha und die Pfeilmacherin erzählt Osho hier:
„The Tantra Vision“, Vol.1: im ersten Kapitel (lest es von Anfang an)
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Einleitung
In diesem Post findet ihr vier Geschichten über Liebe:
„das absolute Erfahren von Liebe“.
Liebe ist mein großes Abenteuer in diesem Leben. Das hat mich
herausgefordert, über Liebe viel zu schreiben. Liebe ist für mich viel
mehr als die liebevolle Beziehung von mir mit Frauen. Das alte Wort „in
Liebe die Welt umarmen“ drückt das vielleicht aus, das Sanskrit-Wort
„Karuna“ auch. Liebe ist die Gesamtheit der Zustimmung zu der Existenz
wie sie ist. Weit hinaus über nur Genüsse oder schlimmste Leiden.
Die letzten öffentlichen Worte von Osho (
http://meine-meister.blogspot.com/)
am Ende seiner jahrzehntelangen Vortragstätigkeit waren nach einer
gemeinsamen, tiefen Meditation:
„… come back peacefully, silently, as a
buddha. … Remembering yourself as a buddha is the most precious
experience, because it is your eternity, it is your immortality. It is
not you, it is your very existence. You are one with the stars and the
trees and the sky and the ocean. You are no longer separate. Remember
that you are a buddha“ – „…kommt zurück, friedvoll, still, als ein
Buddha. … Denk daran, du bist ein Buddha, das ist die wertvollste
Erfahrung, denn das ist deine Ewigkeit, es ist deine Unsterblichkeit.
Das bist nicht nur DU, das ist deine ganze Existenz. Du bist eins mit
den Sternen und den Bäumen und dem Himmel und dem Ozean. Du bist nicht
länger abgetrennt. Denk daran, du bist ein Buddha“.
Das ist Liebe wie ich sie erfahre, allumfassend. Der Buddha in mir
ist diese Liebe. Krishna ist in Indien der große
Avatar (das ist eine
Gottheit, die sich vorübergehend in einen Menschen inkarniert hat) – Krishna ist der Avatar der
Liebe (doch auch des Yoga in der „Bhagavat Gita“).
Dazu findet ihr eine
moderne Geschichte hier:
http://forderung-nach-liebe-2.blogspot.com/ .
Hier ist eine kurze Liste meiner Liebesgeschichten:
http://friedas-liebe.blogspot.com/ , in diesem Blog stehen die folgenden Geschichten:
Erstens - Frieda radelt mit Stefan zum Ursee (1954)
Zweitens - Zum Tuniberg – doch vorher … der neue Boogie
Drittens - Frieda radelt mit Stefan in den Kaiserstuhl (1954)
Viertens - Bertha fährt zur See habe ich verlegt:
http://berthas-seereise.blogspot.com/
Fünftens - boylove – Radioflyers-Tribe
Sechstens - Michelangelo Caravaggio – „Amor als Sieger“
Siebtens - Lina oder die totale Forderung nach Liebe
Achtens - mein schöner Körper, Stefan loves his body
Neuntens - Meine Liebe zu mir und zum Fohlen-Knaben auf dem Schrank
Zehntens - Stefan liebt seine kostbaren Knie
Elftens - Stefan´s Liebe zum Tamilen-Land (TamilNadu, Süd-Indien), die tamilische Musik, die tamilischen Frauen.
Zwölftens - Krishna in Vrindāvana – das Göttliche der Liebe.
Als Fortsetzung von Neuntens dieses:
Vierzehntens -
Stefan´s Liebe in Lauenstein und seine Langen Strümpfe: http://madaceae.blogspot.de/2015/02/lauenstein-bei-forster-weck.html
.
Weiteres:
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A) Die Liebe bei den Ghân – viel mehr als Sex
Ausschnitte aus dem fiktiven (!)
„Bericht über Die Wilden Menschen von Rohan
- vom Leben der Ghân im Weißen Gebirge -
oder: Aspekte der wahren Lebenskunst“
von Aryaman,
angeschlossen an die Berichte von J.R.R.Tolkien „der Herr der Ringe“.
Der Gesamt-Überblick mit Inhaltsverzeichnis hier:
http://ghaninrohaneins.blogspot.com/ .
In
Kursiv und hellblau die Worte des Autors.
Rohan ist eines der Königreiche in Mittelerde, das gegen Sauron Krieg
geführt hat. Sein Volk nennt man die Rohirrim. Das Volk der Ghân lebt
sehr versteckt innerhalb Rohan. Die Ghân haben eine spirituelle
Tradition, die von Ullam geschaffen wurde, der ungefähr dem Shakyamuni
Buddha in der heutigen Welt entspricht.
Hier steht ein Ausschnitt aus
. . .
. . . Heft 14.
DIE SIEBEN PUNKTE (das sind die Chakren)
ODER BLUMEN – DER ERSTE PUNKT (das ist das Wurzel-Chakra oder Muladhar)
– WURZELN IN DER ERDE, ERDE IN DER SEELE, VOM BLUT DER FRAUEN, DEN BODEN NICHT VERLIEREN – WER BIN ICH?
Zu finden hier:
http://ghaninrohanfuenneff.blogspot.com/
Eine Frau des Volkes der Ghân sagt zu mir:
Ja, bluten: wenn wir Frauen bluten, dürfen das alle sehen – auch
darin seid ihr (in Rohan) anders, ihr versteckt euch oder verbindet euch
– wie eine Wunde, ihr Frauen legt sogar Wert darauf, daß ihr so
geschickt seid, daß euer Bluten nicht gemerkt werden kann. Es geht uns
nicht darum, daß alle das Blut sehen dürfen, sondern, daß wir gerade
diese heiligste Sache in unserem Frauenleben nicht verbergen vor der
Mutter Erde, sie ist doch unsere Mutter, weißt du. Da verbirgt man
nichts.
Und dieses beste Blut geben wir der Mutter Erde zurück, dort wo
unsere Nahrung wächst – um ihr Gutes in Dankbarkeit zurück zu geben –
heiligen Dünger!
Hier steht ein Ausschnitt aus . . .
. . . Heft 15. DIE SIEBEN PUNKTE (Chakren) ODER BLUMEN – DER ZWEITE PUNKT (Sakral-Chakra oder Svadhisthana) – ZEUGEN UND STERBEN, AUCH VOM SEX
Auch hier zu finden: http://ghaninrohanfuenneff.blogspot.com/ .
Mit dem Zweiten Punkt, unter dem Bauchnabel tief innen im Körper,
da fühlen wir das neue Leben, er ist besonders wichtig wenn wir ein Kind
zeugen oder gebären. Aber auch mit dem Sterben hat er etwas zu tun.
Vielleicht verlassen wir hier unseren Körper, wer weiß. So habe ich das
mal gehört: Hier beginnst du das Leben und hier beendest du es.
Damit sind wir ja ganz in den ursprünglichen Gefühlen: Sex, Gebären, geboren Werden, Sterben.
Im Ersten Punkt aber sind wir ganz im Leben selbst, im Leben DIESES Körpers, in dieser Welt.
Hat der Zweite Punkt tatsächlich etwas mit dem Sex zu tun? frage ich sie.
Ja,
sagt sie, wenn wir einander begegnen weil wir den Körper
des Anderen besonders gerne haben, berühren wir mit der Hand zuerst am
unteren Bauch diesen Punkt. Und auch Sterben hat etwas mit Sex zu tun:
für uns ist das nicht so was Ernsthaftes, aber ich habe gesehen, daß ihr
eure Seelen beim Sex und beim Sterben verspannt, ihr könnt das nicht
einfach so lassen wie es ist. Ach, ihr verspannt euch überhaupt das
ganze Leben – vielleicht schon bei der Geburt, oder? „Das gute Leben“
ist nicht verspannt, kein „gutes Leben“ ist verspannt. Und ich sehe
nicht, daß ihr ein „gutes Leben“ lebt. Ihr tut mir immer wieder leid,
wenn ich euch sehe.
– ja, vielleicht seid ihr schon bei der Geburt verspannt, wer weiß,
was eure verspannten Mütter euch schon vor der Geburt mitgegeben haben.
Das schönste Sterben ist, wenn du im Zweiten Punkt ganz entspannt
bist, und der schönste Sex auch. Hier im Zweiten Punkt kann Entspannung
kommen. Hier verlässt du wieder diesen Körper – ganz entspannt?
Wen darf man bei euch am Körper berühren, gibt es das auch, daß
man jemanden nicht berühren darf? Zum Beispiel Mann und Mann, oder
Erwachsene die jungen Ghân?
Nein, so ist das nicht. Wenn beide es mögen, dann berühren wir uns, wenn eins nicht, dann nicht – ist doch ganz einfach, oder?
Wenn ich an Rohan denke, ist es nicht einfach. Wenn ich mir
vorstelle, was wäre, wenn ich eine Frau berühren würde, die mir nicht
gehört – oh, oh –, oder gar eine fremde Frau mich! Wenn jemand ein
fremdes Kind berühren würde, würde er schnell bei Gericht angezeigt
werden, selbst das eigene Kind dürfen wir nur zuhause in den Arm nehmen,
außer wenn es noch ganz klein ist.
Nein, bei uns geht es darum, daß wir einander verstehen, und dann
ist das Treffen sehr intim und tief – auch wenn viele dabei sind – intim
und tief: das ist doch unser Leben, nicht wahr? So sind wir doch alle
geboren, oder? Ihr in Rohan seid so wie GEMACHT, wie ein Werkstück, ihr
seid nicht wie geboren aus dem Leib von einer lebendigen Frau. Außerdem –
was heißt schon „gehören“? Wie kann dir denn eine Frau oder ein Kind
gehören oder nicht? Das verstehe ich überhaupt nicht.
Dazu mag ich nichts sagen, denn es würde mich beschämen, so was
über unser Volk eingestehen zu müssen. Doch es ist ja so im Lande Rohan.
Und eigentlich ist es ja sehr absonderlich, daß sich Leute, die sich
lieben, gegenseitig gehören, oder? Und wie fühlt sich das Sterben an? Du
sagst, ich werde den Tod hier im Zweiten Punkt fühlen – so wie den Sex?
Das widerspricht sich doch!
Man sagt, du stirbst vom Kopf an abwärts und von den Füßen an
aufwärts, bis der letzte Funke des Lebens an diesem Punkt aus dem Körper
entweicht. Ob du das noch bewußt merkst, weiß ich nicht, doch
vielleicht wirst du im Sterben so wach sein, daß dir das nicht entgeht –
an deinem Gesicht können wir das nicht mehr sehen, das ist dann still
und glücklich, hat schon los gelassen. – Jedenfalls möchten wir Ghân das
so erfahren, dafür tun wir viel im Leben. Wir möchten das Sterben
„erleben“, könnte man sagen. Wir möchten das alles bewußt erleben – wie
alles aus dem Körper weicht, und deswegen sehen wir immer wieder auf
diesen Zweiten Punkt, das ganze Leben lang.
Wie ist das in Rohan? frage ich mich. Der Erste Punkt wird von der
offiziellen Erziehung voll gesteuert: nämlich NICHT geerdet zu sein:
das hat ein gutes Ansehen in der dem Wissen und Denken hingegebenen
rohirrischen Gesellschaft; wo es Bewußtheit gibt, lenken wir sie nach
oben in das Gehirn, das sich mit Wissen und Denken beschäftigt.
Auch der Zweite Punkt wird in der rohirrischen Erziehung gesteuert:
Sex, Gebären und geboren Werden, Schmerzen und Sterben sollen in
verschlossenen Räumen stattfinden – außer bei uns Soldaten im Kampf, da
dürfen wir öffentlich sterben, aber loslassen im Sterben ist auch nicht
angesagt. Ich habe gesehen: fast nie stirbt ein Soldat im Kampf auf
schöne gelassene Weise, meistens ist es große Qual, viele Schmerzen im
Körper und in der Seele, eingeklemmt zwischen den sterbenden Körpern von
Pferden, Kameraden und Feinden, niemand ist da, der einen hinüber
geleitet, mit der segnenden (der linken) Hand den Zweiten Punkt
berührend, mir der anderen Hand den Kopf stützend oder Wasser gebend.
Davon hören wir in der soldatischen Ausbildung nie etwas, obwohl die
eigene Qual und der eigene Tod zum Soldaten ebenso gehört wie das Töten
und Quälen der Feinde, der Frauen und Kinder. Selbst Sex ist im Krieg
mehr erlaubt als im Frieden: wir dürfen die Feinde quälen, mißhandeln
und mißbrauchen (obwohl es nicht extra gesagt wird) – wenn wir denn mal
feindliches Land erobert haben.
Also spielt sich ein großer Teil eurer Kriege im Zweiten Punkt ab, oder? werde ich gefragt.
Nicht nur, sondern auch im Dritten, denn hier wird die Kampfes-Wut
erzeugt und gesteuert, beginne ich zu verstehen, und die Angst und
andere Gefühle werden unterdrückt.
Hier steht ein Ausschnitt aus . . .
. . . dem Ghân-Buch 8 – Die Ghân in Rohan – Text,
Heft 31. DIE SEELE EINLADEN, DIE SEELE AUSLADEN – ZEUGEN UND STERBEN IM GHÂN-LAND
hier zu finden: http://ghaninrohanacht.blogspot.com/
Eine junge Frau sagt mir mal:
solange Schwangerschaft nicht gewollt ist, nehmen wir alle gewisse
Kräuter, nur wenn sie gewollt ist, nehmen Mutter und Vater die Kräuter
nicht, sie bleiben dann für sich und laden einen kleinen neuen Ghân ein,
zu ihnen zu kommen, –
ja, welchen neuen Ghân denn? frage ich.
Das wissen wir doch auch nicht – aber wenn du eine Seele einlädst,
in deiner Familie zu leben, bei euch als Mensch geboren zu werden, mit
euch ein „gutes Leben“ zu leben – dann wird eine schöne Seele den Weg zu
euch finden. Denn im „vorigen Leben“ haben sich viele Seelen schon auf
das nächste Leben vorbereitet und während der Zeiten zwischen den Leben
auf den Weg gemacht: sie haben ein waches, liebevolles und stilles Leben
geführt, dann haben sie einen klaren Blick und tragen nicht so schwere
Lasten mKerze erlischt“ oder sie wählen sich einen Platz. Die meisten
wollen bei uns hier, bei den Ghân wiedergeboren werden.it sich. Dann
können sie nach dem Tod selbst einen Weg wählen – entweder werden sie
nie wieder geboren und „ihre Kerze erlischt“ oder sie wählen sich einen
Platz. Die meisten wollen bei uns hier, bei den Ghân wiedergeboren
werden.
Ich frage: wie geht das, „eine Seele einladen“? Und sie berichtet über das geplante ZEUGEN eines neuen Lebens:
Na, die beiden Eltern feiern dann miteinander, sie richten es sich
schön ein, machen sich eine Laube draußen im Wald oder in den Wiesen und
schmücken sie mit Blumen, schönen Steinen und dergleichen. Oder sie
gehen vielleicht in die Festhalle, da wird dann ein Feuer gemacht und
leicht und feierlich getanzt oder so etwas. Meistens ist das Paar
allein, aber oft laden sie auch andere ein, dabei zu sein. Und es wird
so schön gemacht, wie es schöner nicht geht – wir laden ja eine Seele
ein, bei uns zu leben, das kann doch nicht so irgendwie gehen, das ist
doch ein ganz besonderes Fest – oder? Wir sind doch keine Tiere! – und
selbst unter den Tieren gibt es welche, die ein Fest daraus machen, auf
ihre Art.
Jedes Paar hat eine eigene Art, die Einladung auszusprechen und zu
feiern. Jedenfalls gehört viel Stille und Wachheit dazu, und Liebe für
alle, und etwas Vorbereitung an den Tagen davor – bald werde ich dich
einladen, möchtest du?
Ein paar Tage später werde ich von ihnen eingeladen. Schon Tage
vorher sitzen die beiden fast immer zusammen, gehen zusammen, schwimmen
zusammen im Fluß, sammeln süße Früchte und große Blumen, finden
besonders schöne Steinchen und tragen alles nach Hause. Sie sind wie ein
Honig-Schwalbenpaar, das sich ein besonders schönes Nest baut – die
Honigschwalben habe ich nur hier gesehen. Das Ghân-Elternpaar streichelt
einander den Körper, nimmt duftende Blätter, macht einen Duftsaft
daraus und spielt damit – einander einreiben, unter die Nase halten …
Und oft sitzen sie bei Ulam und feiern seine Schönheit.
Das Paar trägt flatternde bunte Tücher, neu aus dem Lamedon, die sie
im Wind flattern lassen. Sie tanzen umher und lachen alle an und laden
alle ein, kommt und seht, wie schön wir es unserer neuen Seele machen.
Der Abend kommt, an dem wir zur Festhalle gehen, alle festlich angetan,
feierlich und ein wenig fröhlich. Wir alle waren vorher bei Ulam (eine
Persönlichkeit ähnlich wie Buddha) gewesen und haben gespürt, wie es
ist, wenn nun eine neue Seele sich nähert. So schön haben wir in Rohan
das nicht, wir sind da ziemlich unbewußt, laden niemanden ein, ich
glaube, die meisten Rohirrim würden die Ghân-Art ziemlich albern finden,
die Ghân aber unsere Art grausam und häßlich.
Es ist wie ein Fest mit Tanzen – nur daß das Paar immer im
Mittelpunkt ist, alle wünschen Glück, alle laden eine neue Seele ein,
manche bringen Glückssteinchen mit für den neuen Ghân, das sind bunte,
besonders schön hell schillernde, polierte Steinchen, manche bringen
Blumen oder bunte Tücher, Obst, ein Fruchtgetränk, ein paar bunte
Federn, einen bunten Federschmuck für die Hütte …
Das Tanzen – es ist wieder wie der Kranich-Tanz – wird stiller, das
Paar wird von den anderen umringt. Ganz große Aufmerksamkeit ist in
allen Gesichtern und Stimmen. Ein paar Leute bringen Felle heran und
legen sie in die Mitte neben das Feuer. Die beiden gehen hin und setzen
sich einander gegenüber, mit übergeschlagenen Beinen … rundherum die
anderen.
Nun hat sich das Paar in Tücher gehüllt. Sie sehen einander lange in
die Augen, summen vielleicht etwas gemeinsam, und die anderen mit. Frau
und Mann verbeugen sich vor einander und begrüßen sich, indem sie den
Gott, die Göttin begrüßen. Sie verbeugen sich vor einer kleinen Statue
von Ulam und bitten ihn, dabei zu sein. Sie singen eine Anrufung mit
lauten Stimmen und sie Gäste summen dazu einen Grundton.
– Geliebter Ulam, wir sind ein junges Elternpaar, das eine kleine Seele einlädt.
– Geliebter Ulam, wir sind ein junges Elternpaar, das eine kleine Seele empfangen will.
– Geliebter Ulam, gib uns die Freude aneinander, daß wir eine
besondere Vereinigung miteinander erleben können – den Gästen und der
neuen Seele zum Genuß.
– Ich, der Vater, will der Mutter, der geliebten Frau, den Samen
aus meinem Leib geben, damit für die Seele ein junger Körper wachsen
kann.
– Ich, die Mutter, will den Körper der jungen Seele in meinem Leib hegen und wachsen lassen.
– Wir widmen unser Elternleben deinem Andenken, deinen Lehren.
– Demütig wollen wir die kleine Seele annehmen, wer auch immer kommen wird.
– Geliebter Ulam, hilf uns durch deine Lehren, gute Eltern zu sein.
– Geliebter Ulam, wir wollen die neue Seele annehmen und sie
einladen, mit uns zu leben, bitte hilf uns dabei durch deine Lehre und
dein Sein.
– Geliebter Ulam, gib uns die geistige Klarheit, die die kleine Seele an uns braucht um zu wachsen und zu reifen.
Und sie nähern einander und vereinen ihre Körper, sehen dabei zu,
daß das Feuer des Anfangs verhalten bleibt und beide nicht sofort in die
große Erregung geraten. Ihre Körper sind nun eins, ihre Seelen haben
sich verbunden und sind eins. Und so schweben sie durch die heiligen
Himmel ihrer Liebe – lange und mit ab- und zunehmender Erregung. Beide
achten darauf – und sagen es einander mit leisen Worten –, daß sie
gleichzeitig im Hellen und im Dunkeln sind.
Und schließlich, einander Zeichen gebend, lassen sie ganz los und
lassen sich treiben in die tiefste Erregung und Vereinigung – und das
ist der Augenblick, wenn die neue Seele den Eingang finden kann, nun muß
sie nicht mehr suchen nach einem Schoß zum neuen Leben. Er ist
gefunden. Und alle singen voller Freude über diese schöne Einladung und
dieses schöne Fest! Die Erregung dieser Vereinigung spüren nun alle
Gäste und sind sehr glücklich, dabei zu sein. Und Tränen fließen vor Glück. Viele erleben in dieser
Nacht das Göttliche ganz nahe, ja ihre Seelen vereinen sich mit dem
Göttlichen. Denn die Erregung der Vereinigung breitet sich in den
Körpern, den Sinnen und den Seelen aus und treibt sie in alle Tiefen und
Höhen hinein
Ich frage, ob sie erkennen können, welche Seele in welchem neuen
Körper einkehrt und wiederum im Leben erscheint. Der weise „Mann aus der
Ewigkeit“ ließ mir zu dieser Frage die folgende Botschaft überbringen:
Ich kann das oft ganz klar sehen, doch für die meisten Ghân ist es
sehr schwer. Manche können es lernen – doch große Wachheit und
Aufmerksamkeit und Menschenkenntnis gehören dazu. Und ich muß ja das
erste Gesicht von früher her kennen, damit ich es wiedererkennen kann.
Auf meine Frage, ob ein Paar eine bestimmte Seele einladen kann, meint er in seiner Botschaft:
Man kann es versuchen, doch damit die Einladung gelingt, muß das
Paar große geistige Klarheit und Weitsicht haben – sie dürfen sich also
nicht durch die große Erregung während ihrer sexuellen Begegnung
ablenken lassen, und wer kann das schon. Es wäre zu riskant, eine
bestimmte Seele einzuladen, denn wenn es nicht gelingt, sind sie lange,
lange enttäuscht, und das treibt einen schweren Keil zwischen die Eltern
und das Kleine (das „mißratene“ Kind würden wir in Rohan dann sagen).
Das Risiko ist zu groß. Ich würde sehr abraten. Man übt ja einen
Zwang auf die noch freie Seele aus. Sie hat nun nicht mehr die Freiheit
der eigenen Wahl.
Später werden Säfte herum gereicht, man umarmt einander voller
Freude, und das Elternpaar verharrt voller Rührung noch lange
umschlungen. Verstohlen und scheu sehen sie unter ihrer Felldecken
hervor und genießen die Glückwünsche und ein paar Schlucke der süßen
Säfte. Die Mutter hält mit ihren Händen ihren Schoß, voller Fürsorge das
Neue schützend. Der Vater sitzt nun dabei und hält besorgt seine Hände
um seine Geliebte.
Die ganze Nacht bleiben die Gäste zusammen und bewachen den Schlaf
der beiden. Am Morgen bringen sie Tee und Süßigkeiten und übergeben
ihnen die Geschenke. Danach gehen alle zu Ulam´s Statue und sitzen dort
lange Zeit still und in erwartender Ruhe, aufmerksam lauschen sie auf
alles, was in der Welt geschieht. Ich bin traurig, daß wir in Rohan so
etwas nicht kennen – wie einheitlich sind die Ghân doch durch diese Art,
immer wieder im eigenen Volk zurWelt zu kommen.
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B) Der Alte Mann
eine Liebesgeschichte geschrieben am 5. April 2010 von Stefan
Neulich lernte ich, Stefan, einen alten Mann kennen, der mir
Fotoalben aus seiner Jugend zeigte. Und da sah ich ein paar schöne Fotos
und Texte aus den 1940er Jahren. Also aus der Zeit unserer Jugend und
Kindheit, er ist – wie ich – Anfang der 1930er Jahre geboren, irgendwo
in den Bergen. Was er erzählte, ergriff mich sehr, und einige der Fotos
auch, und daraus entstand das Folgende. Der alte Mann erzählte mir seine
früheste Liebesgeschichte:
Wir kennen uns schon lange, erst als Kinder, und nun, Hella die
Bauerntochter von nebenan, und ich, der älteste Sohn Peter eines Lehrers
für Fremdsprachen (der mich oft Petros nannte) … da kamen wir uns sehr
nahe, weit über das hinaus, wie es mir mit meiner Schwester Brita je
erging. Wir lernten erste tiefe Aspekte der Liebe kennen, und das war
sehr neu und verwunderlich. Neue Blicke in das Leben, von denen wir
vorher fast nichts wußten. Wir wurden getrieben von unseren Körpern und
konnten und wollten nichts dagegen tun. Es war so, daß wir freier waren
als andere junge Leute in jenen Jahren.
Ich habe vier jüngere Geschwister, eine Schwester in Hella´s
Alter, eben die Brita, und die liebe ich, aber ihr Zwillingsbruder und
die anderen, die sind mir alle egal, fast jedenfalls. Mit Hella und
Brita bin ich oft zusammen, und da leihen wir uns mal die Box-Kamera von
unserer Mutter und fotografieren uns gegenseitig, doch das Gerät ist
schlecht, doch ein paar Bilder habe ich hier in diesem Album, unscharf …
Nun also meine Geschichte zu diesen Fotos:
»… sie steht auf und sieht mich an, Tränen kommen, sie geht zu
einem glattrindigen Baum und legt ihre Arme so an die Rinde, daß sie ihr
Gesicht drauflegen kann. Dreht mir den Rücken zu, und schluchzt, „ich
will nicht, daß du unter mein Kleid guckst.“
BILD 2
Meine altmodische Kleidung mit 16.
Vorher saßen wir einander gegenüber auf der Wiese und Hella
lächelte und sagte, „ich kann ja tief in deine Hosenbeine sehen, so weit
sind sie. Und ganz groß sind da deine Hoden, wie süß – und auch stark.
Und ein bißchen weiße Unterwäsche blitzt raus.“
Ich war verlegen, muß rot geworden sein, obwohl mir das auch
angenehm war – „bin ja auch schon 16,“ sagte ich, „da sind sie groß,
oder?“ Ich zeige gerne meinen Körper, jedenfalls der Hella, und Brita
auch. Deswegen hatte ich heute eben diese kurzen und weiten Hosen aus
dem Schrank geholt, Sommerhosen! Fast wie ein Röckchen – ich liebe
Röcke, möchte auch mal einen tragen, aber ich traue mich nie. Meine
Mutter hatte mir diese Hosen aus einem Mädchenröckchen geschneidert, sie
haben auch Ähnlichkeit damit, und das ist auch schon was, diese Weite.
„Und doch bist du noch ganz wie ein Kind, ganz helle Stimme, süß, und Kindergesicht, Mädchengesicht, finde ich.“
Mit den Armen umschlang sie ihre Knie und hielt ihr Kleid, und
ich sagte, „ich möchte auch mal unter dein Kleid sehen …“ – und da stand
sie schnell auf und ein paar Tränen kamen und sie sagte,
„Ich will
nicht, daß du unter mein Kleid guckst.“
Nun steht sie da am Baum und ich weiß nicht, wie ich mich
verhalten könnte. Einerseits möchte ich unter ihr Kleid sehen, was sie
da alles unterhat, Mädchensachen, die ich von meinen Schwestern auch
kenne – aber nun … Hella ist meine Freundin und erst 13 und wohnt im
Nachbarhaus, eine Bauernfamilie. Mit 13 ist sie doch noch sehr jung,
darf ich das denn?
Schluchzend stammelt sie, „komm und hebe mein Kleid hoch, etwas
…“ Ergriffen stehe ich auf, habe Angst, daß uns Leute sehen, doch hier
oben am Waldrand sind selten welche, höchstens Kinder aus unserem Dorf.
Ich sehe ins Tal runter, weites Flußtal, ein paar weitere Dörfer, Rauch
von Häusern, Kindergeschrei, Kühe … Hinter uns der Wald und Berg mit
Felsen, die ich liebe. Pirol ruft.
„Komm doch.“ Wieder ein paar Schluchzer, ich traue mich nicht,
„komm endlich, ich will das – ach
nein eigentlich vielleicht nicht.“
Wieder Schluchzen. Ich hocke mich hinter Hella und hebe langsam
ihr langes und weites Kleid ein wenig, werde ganz erregt, doch nun ist
da ihr Unterkleid, weiß und fein und mit Spitzen unten dran, fast so
lang wie das Kleid, hatte ich ja vorher schon gesehen. Sonntäglich fein
allles.
„Heb´ auch das Unterkleid, bitte …“ und langsam … jetzt sehe ich
die Strümpfe, beige, wollig oder so, „noch etwas höher, bitte,“
schluchzt sie – was bedeutet denn ihr Weinen? Diese Strümpfe sind ja
lang, so wie ich sie auch gerne trage. Ich hebe Kleid und Unterrock
weiter, langsam, um sie nicht zu verletzen, es ist ihr ja nicht nur
angenehm. Und dann kommen die Schenkel über dem Rand der Strümpfe.
Diese weiche Schenkelhaut, heller als die Strümpfe, leicht
berühre ich Hella´s Beine, ein leichtes Höschen aus Seide oder so, auch
mit Spitzen, leicht um die Schenkel … es ist schon eigenartig, wie die
Frauen sich kleiden, alles so offen, mit Spitzen … – und dann weinen
sie, wenn ein Junge das mal sehen will – irgendwie verquer. Alles ist so
offen nach unten – es ist ihre Art, und dennoch haben sie Angst, auch
Hella, hat sie mir mal gesagt, und Brita auch, aber zu mir ist Brita
offener.
BILD 3
die Mädchen in den 1940er Jahren
Mit den Händen umfasse ich vorsichtig ihre Schenkel. Ihre Beine
zittern, ich zittere auch, nun stöhnt sie, „streichele mich mal, streich
mal über meine Beine, berühre mich mal mit deinen Haaren …“ – ich halte
das Kleid hoch.
Unter ihrem Kleid ist ein wunderbarer Duft, so wie ich Hella
schon mal gerochen habe, aber nicht so sehr wie heute. Dieser Duft macht
mich noch mehr zittern, und wie ich hocke, rutscht mein Penis aus dem
Hosenbein, ganz steif und lebendig. Alles rutscht raus und ich fühle
mich unten nackt und verletzlich. Dennoch ist es richtig so. Nacktheit
da unten. Diese Offenheit – das bin ich.
Ihre Strümpfe sind an Strumpfhaltern befestigt, die aus dem
Höschen rauskommen, ich fühle, unter dem Höschen hat sie einen festen
Hüftgürtel, an dem die Halter angeknöpft sind. Und an einem Knopf an den
Strümpfen – wie meine Mutter und auch Brita manchmal.
Was sie da nicht alles anhat: der Hüftgürtel, die Strumpfhalter
und Strümpfe, das Höschen, das Unterkleid, ihr knielanges Kleid und über
allem eine geblümte Schürze (die Mädchen damals meistens trugen). Und
alles so offen. Und dann noch sportliche Socken an den Füßen und derbe,
sportliche Skistiefel.
Nun schluchzt Hella wieder und zittert am ganzen Leib, und ich
spüre, wie etwas Flüssiges an den Schenkeln runterläuft. Sie spreizt die
Schenkel etwas. Das macht mich sehr erregt, und ich versuche, mir das
Flüssige, das sehr duftet, aufs Gesicht fließen zu lassen. Mein Gesicht
wird ganz naß – und es ist etwas Heiliges dabei, meine Liebe zu dieser
schönen Hella. Mein Körper wird ganz erregt und ich drücke das Gesicht
ganz an ihre Schenkel – da beginnt es in meinem Unterkörper heftig an zu
zittern, und er wackelt hin und her, ich habe keine Gewalt mehr
darüber, ich kann mir nicht helfen, und aus meinem Penis kommt mit Kraft
eine Flüssigkeit heraus, wie bei Hella, spritzt an Hellas Füße, die das
durch die Strümpfe spürt und vor Wonne schreit.
Nun dreht sie sich um und sieht mir durch ihre Tränen ins
Gesicht, und ich habe auch Tränen, weil es so sehr rührend ist mit ihr,
so nahe, so warm, so lieb, wie verschmolzen miteinander. Sie hebt ihre
Kleidung hoch und zieht an dem Höschen und zeigt mir, was da noch
drunter ist – eng am Leib der rosa Hüftgürtel mit den Strumpfhaltern.
Und ein wenig dahinter versteckt ihr Schönstes, verziert mit ein paar
lockigen Härchen, ihr Weiblichstes: ihre Scheide, es macht mich scheu,
ihre Scheide anzusehen, und nun sehe ich, wo das Flüssige herkommt, aus
der Scheide. Schnell bedeckt sie wieder alles – „nun hast du unter mein
Kleid gesehen, ist das was Gutes? Fühlst du dich gut? Hast fast alles
gesehen und gespürt und gerochen, hast du auch ein wenig geleckt?“
Ja, es ist gut und richtig.
Zusammen setzen wir uns auf die Bergwiese und halten unsere Hände, still, bis das Gespräch über unser Erlebnis beginnt.
„Ja wir Frauen ziehen uns nicht so dick und verschlossen an wie
ihr Jungs. Wir sind offener, dafür haben wir so viele Sachen
übereinander an. Wir verdecken uns durch die vielen Falten, die
Schleier, denk an den Petticoat.“
Hella meint nach langen Minuten, in denen sie mich ansieht, „du
bist ja auch offener, wie ich erlebe. Wir Frauen ziehen die langen
Strümpfe an, damit oben etwas Nacktes, was Freies ist, und das kann ein
großer Genuß sein – wie eben!“
„Du hast ja auch mal wieder ganz lange Strümpfe angezogen, was
ist da das Besondere für dich?“ fragt sie, ja, ich liebe nicht nur die
kurze, weite Hose sondern auch lange Strümpfe, die weit oben an
Strumpfhaltern angeknöpft sind (die am Unterhemd hängen), doch an der
Innenseite der Schenkel hängen sie runter und da ist es nackt, gerade
heute, bei diesen sehr weiten Hosen. Ich liebe diese Freiheit am Körper.
Und daß Hella das mal sehen kann. Ganz wie zufällig, und doch will ich
das. Wo die Schenkel nackt sind, gerade sah Hella meine Hoden, und
gerade da kam der Penis raus und leerte sich vorhin. Und da ist alles
offen, und das mag ich sehr. „Körpergenuß?“ sagt Hella. Ja, das sagt man
wohl so.
„Ist das Mädchenhaftes, was du daran magst?“ – „Vielleicht,
jedenfalls habe ich´s bei Mädchen abgeguckt, ist eine schöne und – eben –
gefühlvolle Kleidung,“ mein´ ich. „Als Junge von 16 trägt man das doch
nicht mehr, schon fast ein Mann,“ sagt Hella und lacht. „Ob ich fast ein
Mann bin, ist mir egal, finde ich nicht, will ich jedenfalls nicht
sein. Ich bin ein Junge so wie ich bin, und das gefällt mir, das ist mir
recht – wenn ich in unserer Klasse auch der einzige bin, der so
kindhaft ist, so´ne helle Stimme hat. Der letzte. Das letzte Kind!“
„Ja, doch ich habe gemerkt, nicht alles ist kindhaft an dir, oh ja.“«
Ich sage zu dem Mann, die Bilder sind schön, aber einfach zu
unscharf. Ich kann gut zeichnen und zeichne sie ab, damit die Nachwelt
mehr davon hat. Damit die Leute später erfahren, wie schön manches
früher war – oder doch hätte ein können, wenn wir´s gekonnt hätten.
Und ich sage, deine Geschichte schreibe ich gerne auf und würde sie
gerne veröffentlichen. – Wieso? fragt er. – Ich schreibe gerne
Geschichten über Liebe und Erotik und Sexualität. Ich übermittle gerne
größere Freiheit und auch größere Liebe und Rücksichtnahme und
Achtsamkeit für die Liebenden. Ja, Achtsamkeit, Achtung und
Rücksichtnahme. Alle müssen den vollen Genuß aus der Liebe haben,
niemand soll da vernachlässigt werden oder gar ausgebeutet – wie es so
oft ist. Und am besten die volle Tiefe der Liebe erfahren.
= = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = =
C) Im Künstlercafé – das Mädchen in Seidenstrümpfen
Im Künstlercafé: Das Bild:
Bild das junge altmodische Mädchen und der alte Mann
Die Begebenheit hierzu:
Im Künstlercafé: Der Künstler - oder?
alle meine Blogs findet ihr hier aufgelistet:
http://mein-abenteuer-mein-leben75.blogspot.com/.
geschrieben im März 2005 — nach einem Erlebnis gestern abend im „Antik Cafe“ in Schwerin
die Frauen liebe ich so sehr . . . .
Im Künstler-Cafe in der Altstadt finden sich heute nachmittag nur
wenige Gäste. Verträumt sitze ich auf einem der dunkelroten Plüschsofas
und nippe an einem Cacao-grandioso, mit viel Schlagsahne drauf. Langsam
lege ich meinen strahlend blau-grün-gemusterten Rock auf den Knien
zurecht. Er hat ein lebendiges Schottenmuster, Tartan genannt. Aber
ansonsten ist er nicht schottisch, ist nicht wie ein Kilt geschnitten
sondern lang bis unter die Knie. So habe ich es zur Zeit gerne, und wenn
ich an die Ostsee gehe, weht der Rock weit im Seewind, und es ist
angenehm kühl an meinen Körper. Obwohl ich ein Mann bin, trage ich fast
nur Röcke. Selten habe ich Hosen an, vielleicht zwei Mal im Jahr, wenn
ich mit der Bahn fahre.
Na ja, fast einsam ist es hier heute. Dorit, die Wirtin aus Rinteln, räumt die
Theke auf und kommt ab und zu an meinen Tisch, und ich frage sie, ob da
jemand interessiert sein könnte an meiner Schottland-Sammlung. Sie will
nachfragen.
Gelangweilt sehe ich auf meine hell-dunkel-braun-geringelten
Strümpfe, die als Gegensatz zu meinem Rock passen. Die kleine Tür zur
Straße geht auf und mit einem regnerischen Windstoß kommt ein Gast. Ich
ziehe meinen Rock etwas hoch und besehe mir meine Strümpfe, die bis oben
hin gehen. Und ich sehe weiter auf meine Beine und denke, diese weißen
Skisocken sind reichlich altmodisch, aber warm sind sie doch. Und die
Schuhe sind so, wie ich es mag: klobig und staubig und ohne Schuhwachs.
Und der Teppich hat … — „hallo Sie, darf ich mich hier mit hinsetzen?“,
eine helle Stimme, etwas fordernd. Sie zieht sich eine Windjacke aus und
hängt sie an den alten Kleider-Haken.
Der neue Gast ist eine junge Frau, die vor mir steht und mit großen
Augen mein Gesicht ansieht. Fein und aufwendig hat sie ihre Haare
frisiert, doch nun sind sie etwas feucht und zerzaust. Und ihre Brauen
hat sie fein geschnitten — scheint mir etwas zu schmal. Tropfen hängen
am Gesicht, fast als ob sie geweint hat, aber sie lacht, es war der
Regen, wir betrachten uns kurz, oh, dieses junge Wesen spricht mich an,
sie könnte fast meine Enkelin sein, denke ich verschämt.
„Ja — ja gerne, möchten Sie …?“ „Nein ich bestelle mir was,“ sagt sie
eilig. Sie sitzt nun um die Ecke neben mir am Tisch, auf einem der
altmodischen Stühle, von der Decke hängt eine Lampe an einem langen
Stiel, noch ist sie dunkel. Beide wissen wir nicht recht weiter, und ich
muß beobachten, ob ich nun väterliche Gefühle hochkommen lasse, oder ob
es einfach diese Frau neben mir ist, die mich so wärmt, ich bin ja ein
alter Mann mit altem Gesicht und wenigen weißen Haaren und hellgrauem
Bart und was noch dazu gehört, und mit einer sehr tiefen Stimme. Der
Kontrast ist sehr groß … und interessant.
Still und etwas verlegen sehe ich sie ab und zu an, ihre blaßgrüne
seidene Bluse, ihr kleines Halskettchen aus roten Holzperlen, oder sind
es Korallen?, und ein schmales dunkelgrünes Halstuch bringen eine
Nachricht wie aus den 50er Jahren mit, ach, und die Wirtin hat
italienische Musik aus jener Zeit aufgelegt, Vicco Torriani und so, das
Mädchen sieht mich an und stellt bald die erste Frage, „tragen Sie immer
Röcke, mögen Sie das? ich sehe Sie immer in Röcken, bunte, das mag
ich,“ „ja, ich mag lieber Röcke tragen, schon als Kind hätte ich gern …,
doch damals war das unmöglich, die Zeiten damals waren anders, wissen
Sie? heute sind wir freier, oder? … wo sehen Sie mich immer?“
„Kennen Sie mich nicht? Wir haben uns schon oft im Buchladen gesehen,
ich verkaufe da, wissen Sie nicht mehr?“ Ich erinnere mich nun, doch
sie ist heute so anders gekleidet, da …
Sie schiebt die altmodische Tischdecke in wenig zur Seite, „ich trage
auch immer Röcke, und heute habe ich meinen besten an,“ bewundernd sehe
ich auf ihren warmen, beige-braunen Tweed-Rock, er lässt nun ihre Knie
frei, und ich bewundere die Nylons, „mit Nylons, das ist doch schon
selten heute,“ sage ich, und sie trägt schlichte, dunkelbraune Pumps,
fast wie meine Mutter sie früher noch trug, eigenartig, daß es sie
wieder gibt – „sind die neu oder antik?“ frage ich, „antike Form, neu
gemacht, das geht heute wieder.“
„Das geht heute wieder …“, das verwirrt mich. Gehen die Zeiten
zurück? Die 50er Jahre waren nicht einfach, noch vieles vom Krieg
zertrümmert und häßlich, und unser permanent schlechtes Gewissen, und
das neu Aufgebaute nicht immer schön und harmonisch, heute haben wir
schon einiges von damals wieder abgerissen. Doch die Damen damals hatten
einiges, was schöner war als heute, fraulicher, feiner, eleganter,
liebender, begehrenswerter …
Vieles davon ist seitdem verloren gegangen — und diese junge Frau,
ihr Urgroßvater mag noch Soldat im Krieg gewesen sein, als ich Kind war,
sie holt das alles wieder hervor, mir scheint, sie holt sich das
Schönste: dieser Tweed-Rock, diese Seidenbluse mit den langen Ärmeln,
und die tomatenrote Perlenkette, „mögen Sie das so?“ frage ich.
„… es ist ein wenig unmodern, ja, doch ich mag das gerne so,“ sagt
sie noch, ich sage dann aber, „ich liebe diese Art, und Sie sehen darin
fraulicher aus als in dem Kleid, das Sie im Laden tragen,“ – „ach
wirklich, nun erinnern Sie sich? Wissen Sie, ich bin gerne Frau, ach ja,
junge Frau, und ich mag es, wenn Männer mich bewundern in diesem
Aufzug,“ und sie lacht über das Wort. Ich sehe sie an und flüstere, „ich
scheue mich …, einfach so zu sagen: Sie sehen reizend aus, junge Frau!
Aber gerade fällt mir nichts Größeres ein.“
Bewundernd sieht sie mich an, „Sie sind ein alter Mann, und ich sehe,
noch immer lieben Sie die Frauen, uns Frauen,“ ja, ich liebe die
Frauen, und ich sage ihr langsam, „je älter ich werde desto lieber sehe
ich Frauen an und bin zusammen mit ihnen — eigentlich will ich nichts
weiter als nur mit ihnen zusammensitzen und ihre schönen Stimmen hören,“
– „ich merke, Sie sind mir verfallen, ja? — das dürfen Sie gerne, ohne
aber hinterher vor Sehnsucht trübe zu werden, bitte, und nehmen Sie
einen warmen, fraulichen Eindruck mit … da will ich nicht mehr, aber
sehen Sie, eine Gottheit hat mir die Aufgabe gegeben, meine Rolle als
Frau ganz zu leben, ganz zu spielen vielleicht: den anderen Menschen von
meiner Botschaft der Frau zu geben.“
Das verwirrt mich nun wieder: „Was ist diese Botschaft?“ – „ach, das sehen Sie nicht?“
„Doch, ich sehe das, gewiß, ich bin doch ein alter Mann“ lache ich, „mit
viel Freude zu sehen, mit viel Seh-Lust.“ Das Mädchen sagt nun, „wie
gesagt, eine Frau ist eine Göttin, oder besser: die Frau ist die Göttin,
und das ist doch das Höchste, das es gibt — sehen Sie mir das nicht an?
alles, was Frau an mir ist, ist göttlich, können Sie das annehmen?“
„Ja, mehr als annehmen: so ist es, ich fühle es, ich fühle die
göttliche Frau in Ihnen, ich gestehe, erst sah ich nur eine Fee in
Ihnen, aber nun …“
„Sie sollen noch ein wenig mehr sehen … Fee oder Göttin, das ist doch
egal,“ und sie setzt sich neben mich auf das Plüschsofa und legt ihre
Beine auf meine Knie, die Wärme dieses weiblichen Feen-Wesens dringt mir
durch den Körper und die Seele, die Nylon-Knie liegen auf meinen
Schenkeln, und sie nimmt meine Hand und lässt sie ihre Knie streicheln
…, wärmen und streicheln, „sind Ihre Knie nicht zu kalt in diesen
Nylons?“ frage ich leise.
Langsam schüttelt sie den Kopf, „dieses hier … dieses ist wichtiger,
selbst wenn sie kalt würden, dieses wärmt mich so …, ach und übrigens
ist das Seide, merken Sie das nicht? und auch nicht so hauchdünn! …
… und für das hier lasse ich gerne die Knie erst kalt werden … wissen
Sie, ich sah von meiner Wohnung aus, wie sie hier rein gingen, und da
habe ich mich zurecht gemacht und bin gekommen, ich wohne nur ein paar
Häuser von hier, der Weg ist kurz, da werden die Knie nicht kalt,“ still
sitzen wir eine Zeit so, und ich fühle ein Vibrieren in mir — ja das
ist die Frau hier auf meinem Schoß, gehe ich zu weit, darf ich das?
sollte ich ihr nicht sagen, ich möchte nicht? Nein, bestimmt nicht, das
darf ich nie sagen …
„… Sie sollen noch mehr sehen, meine Knie, meine Beine, mein junges Gesicht …, mich Weib, ja?“
Ihre Pumps liegen nun auf dem Teppich, „lassen Sie sie liegen, es ist richtig so.“
Und sie zieht ihren Rock höher und zeigt mir ihre Schenkel, „ich
sagte doch, Sie sollen mehr sehen,“ und obwohl ich schon manche Frau
angesehen habe, immer wieder scheue ich mich, halte immer wieder Abstand
— zu viel Abstand? … vielleicht will sie das nicht, vielleicht ist ihr
das zu viel? vielleicht ist der Rock ihre wichtigste Blickwehr gegen
Fremdes? vielleicht gehört das zu ihrem Frau-Sein, daß der Rock sich da
so lose drüber hüllt, lose, spielerisch, eben verführerisch …?
„… ist Ihnen das zu viel?“ fragt sie mich aber, und ich erschrecke,
da sie den Spieß umgedreht hat, ach, was heißt ‘zu viel´? überlege ich,
und frage mich schnell: bin ich zu schüchtern oder zu frech.
„… ist Ihnen das wirklich nicht zu viel?“ ich sehe hin, und nun sehe
ich, was ich vorher schon ahnte: daß sie Strümpfe anhat, keine
Strumpfhosen, und das macht sie so wunderbar weiblich, wie ich lange
seit Jahrzehnten keine Frau mehr nahe erlebt habe: Strümpfe und
Strumpfhalter, und tief unter ihrem Rock sehe ich kurz ein loses,
weites, seidiges Höschen, mit Rüschen und Spitzen, und alles windet sich
um ihre Schenkel, und die rosa Strumpfhalter strecken sich da heraus,
fast fordernd, und sie ziehen die Strümpfe nach oben, nahe an den Leib.
„Das gehört alles dazu, gehört alles zu mir — sind Zeichen meines Weiblichen, mögen Sie das?“
„Oh, ja, sehr mag ich das, ich mag doch das Weib, tragen Sie das immer
so?“ frage ich, „ja, immer, auch in der Buchhandlung, bei der Arbeit,
oder wenn ich im Zug reise, immer, nur ist es meistens keine Seide
sondern Nylon — wie Sie schon sagten … und den Rest müssen Sie sich
denken und in Ihrer Fantasie ausmalen, das gehört zu meinen Botschaften
an Sie,“ das wird mir eine liebe Beschäftigung sein, wenn ich wieder
alleine bin, ein Sehnen …
Wir sitzen lange so, und sie legt schließlich, zögernd ihren Kopf an
meine Schulter, „legen Sie ihre Hand an das Nackte oben an meinem
Schenkel, mögen Sie das? ist es schön, auch die Strumpfhalter
anzufassen?“ ja, es ist so sehr schön, gerade kann ich mir nichts
Schöneres mehr vorstellen, die Tischdecke schützt uns vor den anderen
Gästen, und die Wirtin hat unsere Lampe nicht angeknipst, obwohl es
jetzt schon dunkel ist draußen, „und legen Sie mir einen Arm um die
Schulter — dafür zeige ich Ihnen ja auch meine Schenkel,“ und ihr Kopf
liegt mir an der Brust, ihr Atem ist so warm, ihre Haare duften wie
Frauenhaare eben duften, immer — „berühren Sie mich überall, bitte, ja?”
und mit der Hand schiebt sie das leichte Höschen noch ein wenig zur
Seite und meine Finger an ein weiches Stück Haut — und an die Öffnung
zwischen den beiden Lippen, und sie lächelt mich an, mit fast
zugekniffenen Augen.
„Sie sind so alt und ein solcher Liebhaber …” seufzt sie, „darf ich
als junges Mädchen mit Ihnen so schöne Spiele …?” das Cafe ist immer
noch fast leer … obwohl die Tischdecke unsere Freuden ein wenig bedeckt,
merkt die Wirtin und ihre zwei, drei Gäste manches und freuen sich und
sehen teils verstohlen, teils offen und fröhlich zu uns hin, und die
kleine Frau auf meinem Schoß dreht sich, lächelt ihnen zu, ja sie lacht
sie an zwischen unseren Spielen, sie ist eine so freie und unbeschwerte
Frau, wie sie früher nicht waren, denke ich. Sogar ihr Rock verschiebt
sich dabei und lässt alle Blicke herein …
Dorit fragt, ob sie ein Foto von uns schönem Paar machen darf, und
wir stimmen fröhlich zu. Von diesem Foto habe ich hinterher das Bildchen
gezeichnet. Na ja, ich bin ein wenig düster darauf geworden, aber darum
geht es ja nicht: das schöne Mädchen, darum geht es, ja?
„Ich möchte auch gerne mal sehen, was so ein Mann unter dem Rock
trägt, darf ich? das ist doch etwas so Neues für mich,” – „so selten
tragen Frauen heute Röcke oder Kleider,” sage ich, „da sieht man ja fast
mehr Mann im Rock,” das macht uns versonnen, und sie lächelt.
Etwas umständlich zieht sie an meinem Rocksaum, „oh, der ist ja nicht
umgenäht, der ist ja ganz ausgefranst, ist er noch nicht fertig?”-
„doch, er ist fertig, aber sehen Sie, wenn er umsäumt wäre, würde mir
das so nach unten verschlossen vorkommen, und so ist es ein offeneres
Gefühl, und ich trage doch Röcke, um mich ganz der Erde zu öffnen” –
„wie eine Frau, ja wir Frauen wissen das, oder ahnen es jedenfalls, doch
wir sind auch mal ordentlich und nähen die Säume meistens um, lassen
sie nie aus, obwohl mir das mehr liegen würde … ja, ich verstehe.”
„… und dieses Muster, ist das schottisch? Da sind ja so süße rote
Streifen zwischen all dem Grün und Blau” – „ja, es gehört dort zu einem
Clan, wie die sagen, es gehört zum `Clan Grampian´ und ich mag diese
Farbkombination besonders, Kühle und ein Strich Wärme.”
Während sie auf meinem Schoß fast liegt, forscht sie weiter an meinem
Rock, „Sie haben ja auch Strümpfe an, halten die so von selbst? oder
sind da auch solche Strumpfhalter?” – „sehen Sie selbst!”
… und sie zieht meinen Rock höher und findet den groben Unterrock,
„so was tragen Sie? das ist aber was ganz anderes als sonst üblich,
mögen Sie das?” – „ja, sehr gerne,” – „ich finde das auch schön, und
unten dieser rote Spitzenrand, es steht Ihnen und passt alles zusammen,
aber das ist doch sehr ungewohnt, haben Sie da nicht Angst, irgendwie in
eine unangenehme Schachtel gesteckt zu werden? … als Absonderling oder
gar als geistig nicht recht normal?”
„Ja, das könnte schon mal sein, aber das ist ja die Lust an den Risiken eines bunten Lebens, so sehe ich das jedenfalls.”
„Das gefällt mir, und überhaupt, Männer sollten sich mehr nach ihrer
Lust kleiden … und diese sehr weiblichen Spitzen am Rand vom Unterrock, geht Ihnen das
nicht selbst zu weit?” – „nein … eben die Lust!” – „dann mag ich das
auch, an Ihnen, doch sonst?” Und sie legt ihren Kopf wieder an meine
Schulter, und nach einer Weile gemeinsamer Stille:
„Sie sind wirklich ein eigenartiger Mann, wenn eine Frau so wäre,
könnte das fast normal sein, aber ein Mann?” – und sie wühlt noch mehr
in meinen umfangreichen Stoffmengen, „oh, da ist aber viel Rock, ich
komme ja gar nicht weiter, und ich möchte doch gerne alles sehen, gibt´s
da überhaupt noch mehr zu sehen?” – „ja natürlich,” lache ich, und wir
beide lachen laut.
Da sind die strahlenden Perlmuttknöpfe an meine Strümpfe genäht und
das weiße Lochgummiband als Strumpfhalter, „oh, das ist aber wundervoll,
so was ziehen Sie an, ich wundere mich immer wieder, sowas darf ich
doch auch mal tragen? Würden Sie das als ein Plagiat sehen und sind dann
beleidigt?” – „nein doch, ich freue mich, wenn so schöne Menschen meine
Ideen mögen und aufgreifen … wenn es Mode macht, würde es mir noch mehr
Spaß machen als so, vermutlich werde ich aber der einzige sein.”
„Sie haben ja solche Strumpfhalter, fast wie ich, nur diese
glänzenden Knöpfe, hier,” und sie spannt einen meiner Strumpfhalter mit
der Hand hoch, „das ist eine neue Idee. Möchten Sie am Ende eine Frau
sein?” – „das eigentlich nicht,” sage ich verlegen, „aber ich liebe
Frauen doch so, daß ich mich ihnen um einiges annähere, mache ihnen
einiges nach, voller Freude, will den großen Frauen schon ein wenig
ähnlich sein, nahe und ähnlich” – „aber das schaffen Sie nie! und wäre
auch schade, denn ich liebe gerade die Männer, und die müssen da
bleiben, die müssen so bleiben, Männer” – „… und Frauen haben so
praktische Kleidung, da kann ich mir doch wohl ein wenig übernehmen,
wenn es mir Spaß macht, ja? und zu mir passt.” – „und was meinen Sie
eigentlich mit `große Frauen´?”
„Große Frauen? Es gibt normale Menschen und Große Menschen, Frauen
und Männer — Kinder ja auch, — aber die meisten Menschen sind nicht
groß, schon an der Kleidung kann ich es sehen — die Großen strahlen
Besonderes, eben Göttliches aus, mehr nicht, sie sind irgendwie Götter” –
„ja, ich verstehe, Göttliches ist doch schon sehr viel, oder? — und ich
in diesem System?” – „sind eine Große Frau, hätte ich das sonst erst
angefangen, dieses Thema?”
In meinen Röcken findet sie schließlich, was sie sucht, „ich möchte
Sie hier gerne anfassen, darf ich? einen so alten Mann, und er fühlt
sich noch so jung an, fast wie ein Knabe, Alter Knabe!” lacht sie und
wendet sich endlich dem Cacao zu, der schon kalt ist. Ich bitte Dorit,
ob sie uns neuen, warmen Cacao bringt.
„haben Sie da gar keine Haare?” – „ich mag diese Haare nicht,
schneide sie meistens ab, ist schöner so,” – „das verstehe ich auch, tue
ich ebenfalls, doch ein paar lasse ich stehen, als Blickfang sozusagen …
ach, man kann mit Ihnen auch über alles reden, stimmt das? ganz leicht
reden, als wenn man ein Brötchen aufschneidet, ist schon recht
ungewohnt,” und sie kommt wieder auf meine Kleidung:
„irgendwo müssen Ihre Strumpfhalter ja anfangen, denke ich … bin ich
zu neugierig? dann sagen Sie es, wenn es zu viel ist,” – „ich trage ein
langes Unterhemd, und da sind innen Knöpfe, an denen die Strumpfbänder
sind … Leibchen nannten wir das früher, und schon als Kind hatte ich
Leibchen, aber kürzer, eher wie ein Jäckchen, auf dem Rücken zum
zuknöpfen, aber die mochte ich nie, und da habe ich es nun so gemacht.”
”Tragen Sie das schon immer?” – „nein, erst seit ein paar Jahren, ich
ändere dauernd meine Sitten, auch in der Kleidung,”- „was sagt denn
Ihre Frau zu sowas? Haben Sie eine Frau?” – „nein, schon lange nicht
mehr, wir haben uns gegenseitig verabschiedet, nach den 20 Jahren Ehe
war es an der Zeit,” – „warum denn?” – „wir hatten uns am Ende gehemmt
in der Entwicklung, jeder Mensch hat doch die Chance, sich weiter zu
entwickeln, nicht wahr? Das kennen Sie doch auch, in Ihren jungen Jahren
sind Sie doch gewiß schon durch allerlei durchgegangen …” – „ja, das
stimmt, sehr vieles,” – „und da standen wir einander gegenseitig im Weg,
und es war das beste, daß wir uns wieder trennten, wir hatten ja unsere
gemeinsame Aufgabe abgeschlossen: zwei Kinder aufgezogen.”
Noch immer liegt sie fast auf meinem Schoß, und wir beide reden leise
und langsam miteinander, sie hat noch immer ihre Hand unter meinen
Röcken liegen, und ich muß mir gestehen: ein wenig habe ich doch dieses
väterliche Gefühl, das rührt mich sehr an, dieses Gefühl wie Vater zu
Tochter, so offen wie ich es nie zu meinen wirklichen Töchtern hatte.
„Darf ich mich ein wenig wie Ihr Kind fühlen, wie Ihre Tochter?”
fragt sie da, „nur heute abend, ja? es ist so heimelig in Ihren Armen
und in dieser gegenseitigen Zustimmung, ja: und Liebe, darf ich das
sagen?”
Dorit kommt und fragt, ob wir etwas essen möchten — das Mädchen
möchte etwas Süßes, „das passt zu unserer Stimmung,” und die Wirtin
bietet uns einen Obstkuchen an, mit Schlagsahne, „und noch zwei
Grandiosi, bitte, möchten Sie einen Likör?” frage ich, doch das wird ihr
zuviel.
„meine Mutter ist auch eine sehr elegante Frau,” lacht sie, „ich habe
ihr vieles abgesehen, doch sie kommt ja schon aus einer Zeit, als die
Frauen nicht mehr so elegant waren wie vorher,” – „was haben Sie
gesehen?” frage ich.
„wir haben zuhause viele alte Modezeitschriften, auch viel ältere aus
den zwanziger Jahren oder so, da habe ich nicht mehr die Übersicht über
die Jahre … Stunden lang habe ich über ihnen gesessen, schon als
zehnjähriges Mädchen, und so habe ich mir meine eigene Einstellung zur
Eleganz gebildet, zur weiblichen Eleganz … und ich habe bedauert, daß es
für mich als Kind nichts Elegantes gab, immerhin hat mir meine Mutti
einiges geschneidert, als ich immer wieder meine Wünsche äußerte, und
mit zwölf hatte ich meine ersten Nylons — das war mir ein großes Fest,
und bei einigen anderen Mädchen habe ich einige Sehnsüchte erregt, doch
niemand besorgte ihnen, was dazu nötig war, so blieb ich erstmal
allein.”
Ich frage, „und nun? ich habe lange keine Frauen mehr gesehen, die
wirklich elegante Strümpfe trugen, nur in einem Strumpfladen … immerhin
gibt es sie noch.” – „nun?” sie schmunzelt genüßlich, „ja nun bewegt
sich etwas — das ist zum Teil mein Fleiß, auch daß der Laden welche hat,
ich habe einen kleinen Mädchen-Club zur Pflege der Feinstrümpfe
gegründet, und der wächst gerade sehr schnell, und der Mann in dem
Strumpfladen macht da voll mit und spürt noch auf, was es auf dem Markt
gibt. Er ist alt und hat noch die große Zeit der eleganten Frauen erlebt
und geliebt.”
„das ist eine große Kulturtat! eben: Große Frau!” — ich bin sehr
froh, daß ich das noch erlebe! und sie lacht, ich bin dieser Großen Frau
dankbar: sie hat sich zu mir gesetzt und ihr Füllhorn schöner Blumen
über mir ausgeschüttet.
Später sagt sie, „nun muß ich wieder zu meinem Kind,” – „Kind?” frage
ich, „ja, ich habe einen süßen Jungen, er ist fast vier, und mein Mann,
oder Freund ist bei ihm. Na ja, wir sind nicht verheiratet im üblichen
Sinn, doch wir sind eine Art Ehepaar, was man heute `spirituell´ nennt,
wir haben eine spirituelle Ehe geschlossen,” ich frage:
„Sie sehen aber sehr jung aus,” – „ich glaube das macht, weil es mir
schon immer gelungen ist, ganz in mir zu sein, wie man sagt, mich ganz
anzuerkennen, auch in meiner Stille, in meiner Stille zu bleiben.” Ich
frage,
„wie kommen Sie dazu?” – „es waren wohl meine Eltern, die sind auch
so, und von denen habe ich gelernt, wenn ich mein ganzes Leben lang jung
bleiben will, muß ich so sein — und das ist wirklich ein großer Genuß!
Ja, ich bin schon 25, ich glaube, daß hat etwas mit den Lehren des
Ostens zu tun, Buddha und so.”
Wie sie schließlich geht und ihre Windjacke schon angezogen hat, sagt
sie noch, „und ich finde es sehr schön und lehrreich, Sie hier
getroffen zu haben, ich möchte aber nicht, daß Sie mich suchen … ich
möchte nicht, daß Sie nach mir suchen — am ehesten möchte ich es
vielleicht noch offen halten, daß ICH nach Ihnen suche, ich würde Dorit
dann bitten, Ihnen eine Nachricht zu schicken, wenn ich will, und Sie
können dann entscheiden, aber verlassen Sie sich nicht darauf,
wahrscheinlich nicht, das Leben geht weiter, und im Laden und so
begegnen wir uns so wie befreundete Leute, ja?”
Sie geht in die dunkle Nacht, ihre Windjacke und ihr schöner Rock
fliegen im Regenwind auf, und ich bilde mir ein, daß ich noch kurz den
dunkleren Rand ihrer Seidenstrümpfe sehe. Nun lasse ich mir von Dorit
noch einen besonders wertvollen Wein einschenken, ich möchte dieses noch
feiern, würdevoll, und Tränen stehen mir in den Augen.
von Aryaman Stefan Wellershaus
Ma.Aryafrau@gmx.de
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D) ein Hamelner Junge im Kilt
… vielleicht war es ein Rock?
Bild 1
Schottischer Junge im Kilt,
von R. R. McIan, etwa 1845. Clan Grant
Erinnerungen und Fiktionen
Schotten in Hameln — und dann ein Hamelner Junge in Schottland — Kilt oder Rock,
(1946)
eine Liste aller meine Blogs hier:
(von Aryaman)
Keine Bomben fielen mehr und zerstörten Häuser und Bahnanlagen, keine
Bomberpulks flogen mehr über meine Stadt Hameln in Richtung auf eine
Großstadt, keine Luftkämpfe zwischen feindlichen und deutschen
Jagdflugzeugen mit Leuchtspurmunition waren mehr zu sehen, nachts war
die Wolkendecke am Himmel nicht mehr rot vom brennenden Hannover oder
Bielefeld, keine abgeschossenen Flugzeuge oder zerstörerische Bomben
fielen mehr vom Himmel, es wurden keine ungenutzten Bomben mehr im Land
verstreut — Notabwürfe, und die Bombentrichter auf den Äckern waren noch
Jahrzehnte lang zu sehen, und wir Kinder suchten die scharfkantigen
Bombensplitter in ihnen —, die feindlichen Flugzeuge verteilten keine
leeren Benzinkanister oder silberne Staniolstreifen mehr über das Land,
und keine toten Bomberpiloten wurden mehr aufgesammelt.
Dafür waren fremde Soldaten in der Stadt und große Mengen von
Flüchtlingen aus Ostpreussen und Oberschlesien, und heimgekehrte und
besiegte und verwundete deutsche Soldaten in Lumpen . . . alles in
Lumpen und mit kleinstem Gepäck, Reste einer geschlagenen Armee in
Lumpen, mit Armkrücken humpelten manche über den Not-Steg neben der
gesprengten Weserbrücke, Hühnerleiter runter, Hühnerleiter rauf, wieder
runter und rauf an die andere Seite, die rennenden Kinder anfluchend
„ihr reißt einem ja noch die Krücken unter dem Arsch weg“ . . . , was
uns amüsierte und erschreckte.
Und die Brücke über die Weser, erst vor 20 Jahren erbaut und sehr
modern im Stil, die ja noch in den letzten Kriegstagen von unseren
Leuten gesprengt worden war, wurde bald durch eine seitwärts gebogene
hölzerne Notbrücke ersetzt, über die zuerst nur die Wagen der Besatzer
fahren durften. Auf dem Werder rauchten erst noch die Trümmer der
riesigen Kampfmeierschen „Wesermühle“ — und die Stadt war verstaubt und
verdreckt und voller Leute, die nicht zu uns gehörten. Auch wurden
Kriegsverbrecher im Zuchthaus gehenkt, was die Hamelner sehr erregte und
verletzte, doch nun lag die Macht ja bei anderen. -
Doch danach wurde das Leben für mich schön!
Bild 2
So sah der westliche Arm der Weserbrücke im Sommer 1945 aus,
gesprengt, zusammengebrochen! Der zweite Not-Steg ist links zu sehen,
der erste war vorher rechts. Hinten links die Ruine der Mühle.
In der Mitte hinten das Münster. Gezeichnet nach einem Foto von
Dr. Karl R. Berger, in einer Hamelner Zeitung vom 5. April 1975.
Mein Vater war noch in Gefangenschaft — wie wir erst später hörten, war er im Allgäu bei den Amerikanern.
Auch bei uns waren die Amerikaner mit ihren Jeeps, die sie anstatt
sie zu waschen mit einer neuen Schicht Farbe besprühten, jedenfalls war
das unser Eindruck. Die Amis, wie sie genannt wurden, waren grau-grün in
ihren Farben, ähnlich wie unsere „Landser“, doch ganz anders im
Uniformschnitt und allem, was das Soldatische ausmachte, ja sie rochen
auch ganz anders. Und alles, was sie hatten, auch die Unterwäsche und
die Taschentücher und die Feuerzeuge (auch die Zigaretten und das
Schreibpapier?) war in grüner Tarnfarbe.
So war der Jargon wie wir uns damals ausdrückten, um über das Geschehen zu sprechen.
Dann marschierten ganz andere Leute durch die Osterstraße in der
Stadt: mit eigenartigem, näselnden Flöten-Spiel ein Regiment bunter
Soldaten in roten Röcken, es waren Schotten mit Dudelsäcken und
gekleidet im Rock, das ist die Regiments-Uniform, ein Männer-Rock, wie
ich hörte. Ich war da 12 bis 13 und begeistert von dieser Kleidung. Das
herbe Soldatische war etwas gemildert, diese Soldaten sehen einfach
frischer aus als die Amis oder vorher die deutschen „Landser“, zu denen
auch mein Vater gehört.
Ja, die Schotten und ihre Röcke. Schon seit ein paar Jahren, mit 9
oder 10 hätte ich lieber einen Rock anstatt Hosen getragen, doch damals
hätte ein Junge das nicht laut sagen dürfen — ein Junge im Rock! Und nun
aber diese Leute, und ich konnte mich nicht satt sehen an den Schotten,
wie bunt dieser Rock war, und wie er beim Gehen umherschwang. Meine
Eltern hatten ein paar illustrierte Bücher mit kulturellen Nachrichten
aus aller Welt. Und da hatte ich schon bevor ich diese Schotten leiblich
sah, alte Bilder von schottischen Männern im Schottenrock gesehen. Und
besonders berührte mich das Bild eines schottischen Jungen in dem Buch,
der einen „Kilt“, wie sie ihren Rock nannten, trug — es war wie ein
Märchen aus einer anderen Zeit (seht das Bild ganzn oben). Es war also
erlaubt: Jungen und Männer dürfen einen Rock tragen! Eine alte Sehnsucht
in meiner Seele nimmt Formen an.
Ich vermute heute, daß es sich um einen Jahresband der Zürcher Zeitschrift Atlantis aus den 30er Jahren handelte.
Und dann diese Bemerkungen der Frauen: was tragen die wohl unter
ihrem Rock, etwa garnichts? Als ob irgendjemand fragen würde, was sie,
die Frauen unter ihren Röcken tragen. Doch selbst mich reizte diese
Frage, und ich bekam schnell eine klare Antwort, wenigstens für einen
der Soldaten: zwei von ihnen sitzen auf der Rückwand eines
vorbeifahrenden Militär-Lasters, und ihre Kilts hängen hinten über die
Bordwand des Lasters herunter, in tausend Falten gefältet. Einer der
beiden hebt seinen Kilt und kratzt sich an der Pobacke, und da sehe ich
es: er ist nackt unter seinem Kilt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das
ist schon richtig so, wozu sonst tragen die einen Rock? Und trotz
aufkommender Scham war DAS der Sinn des Kilts, auch für mich.
Bild 3
Soldaten auf einem Militär-Laster, 1946 in Hameln gesehen.
Damit beginnt das Märchen, wie ich es mir als Junge gewünscht hatte,
vielleicht ein Traum? — doch leider traf es nie zu. Nun das Märchen:
In jenen Monaten kommt an einem Tag ein Mann zu uns, ebenfalls in
einen bunten Kilt gekleidet, zu uns in unser Haus und will meine Eltern
sprechen, er ist einer der Soldaten, ein Offizier. So, so, Ihr Mann ist
noch in Gefangenschaft, aber meine Mutter spricht mit ihm. Sie spricht
ja englisch, und so geht es, und obwohl ich schon drei Jahre englisch in
der Schule hatte, kann ich nur wenig verstehen. Meine Mutter ist sehr
verlegen und erklärt mir, daß Mister Agnew (gespochen Äg-Nju) behauptet,
eigentlich sei ich SEIN Sohn, und nur durch ein Versehen sei ich als
ganz kleines Kind in diese Familie gekommen als seine Frau in Hamburg
mit ihrem Neugeborenen im Krankenhaus lag. Und es hätte eine
Verwechslung gegeben. Meine Mutter muß zugeben, daß das möglich ist.
Ach nein, so wird das Märchen zu schwierig, obwohl es ein Körnchen
meiner Wünsche in sich hat. Ich muß es anders beginnen, nicht so
dramatisch, denn ich wäre nicht gerne in eine andere Familie umgezogen,
hätte nicht gerne meine Familie verlassen, nicht in dem kindlichen
Alter, bestimmt nicht.
Also so:
Beim Spielen auf der Straße lerne ich ein paar Kinder kennen, die zu
einer schottischen Familie gehören, die in einem der deutschen Häuser
wohnen, das das Militär beschlagnahmt hatte, wie man sagte, für
Offiziers-Familien. Ja, und diese Jungen tragen einen Kilt. Natürlich
habe ich diese Begegnung herbeigefördert wegen meinens Sehnens. Ich darf
ab und zu diese Familie Agnew besuchen, und es entsteht eine Offenheit
und Freundschaft mit mir, auch zu meiner Mutter, die über den Schatten
ihres Nationalstolzes springen kann, denn „die Schotten sind ja nicht
unsere richtigen Feinde, sie sind ja auch von den Engländern erobert und
besetzt worden,“ erklärt sie. Und, worum es mir ja geht: die zwei
Jungen dieser Familie tragen fast immer ihren Kilt. Sehr verlegen bin
ich, wie ich einmal frage, ob ich auch mal einen Kilt tragen darf, und
ihre Mutter holt mir einen Kilt von ihren Söhnen und hilft mir, ihn
anzuziehen, was ganz anders ist als die Röcke, die ich an meinen
Schwestern sehe aber nie selbst versucht habe.
Die Freundschaft zwischen unseren Familien vertieft sich, und auch
mein Vater, als er aus der Gefangenschaft zurückkehrt, hat nichts
dagegen: „Feinde? das war einmal, nun ist der Krieg vorbei.“ Und dann
kommt es: ich werde eingeladen, für die Sommerferien mit der Familie in
ihre schottischen Berge zu reisen, mit einem Militär-Schiff von Cuxhaven
nach Dundee.
Sie leihen mir einen Kilt, doch ich traue mich nicht, ihn öffentlich
in meiner Stadt zu tragen. Die Angst ist zu groß, als Mädchen verspottet
zu werden — aber wieso ist da diese Angst? einfach, weil sie vorher
schon geschürt wurde: ein Junge darf nie wie ein Mädchen aussehen,
obwohl Mädchen schon mal wie Jungen aussehen dürfen, da ist keine Angst.
Ich bekomme nun also einen Kilt geliehen.
An junge Leute wird ein Kilt lieber verliehen als fest vergeben, weil
ein Junge so schnell hinauswächst und dann kann der Kilt weiter gegeben
werden, Kilte sind sehr teuer und es wäre schade, wenn sie im Schrank
herumliegen würden.
Viel packen wir mir nicht in den kleinen Koffer, der Kilt ist das
dickste Kleidungsstück, ja und ein Pullover. Und ein Tagebuch (aus dem
ich diese Geschichte schreibe) und weiße Unterwäsche und Strümpfe,
Nähzeug und sowas. Und natürlich ein kleines Wörterbuch englisch-deutsch
von einer der Englandreisen meiner Mutter, vor dem Krieg.
Obwohl es Sommer ist, denken wir, daß es auf der Nordsee kalt und
windig sein könnte, also nehme ich einen dicken Mantel mit und eine gute
Mütze und ziehe unter die kurzen Sommer-Hosen lange Strümpfe an, und
dicke Socken und schwere Wander-Schuhe, denn ins Gebirge sollte ich
keine Sandalen mitnehmen. Und meine Beine sind empfindlich gegen Kälte,
denke ich.
Mit einem großen Militärbus fahren wir nach Cuxhaven, die ganze
Familie des Offiziers und andere Familien und viele Soldaten, ich bin
fast der einzige, der nicht im Kilt reist, aber alle Soldaten und fast
alle Jungen. Wie das so ist, beginne ich mich schon zu schämen, daß ich
Hosen anhabe und den Kilt noch nicht annehmen kann.
Wie wir in Cuxhaven die Gangway zum Schiff hochgehen, bin ich froh,
keinen Rock anzuhaben, denn der Wind weht den anderen die umfangreichen
Rockfalten hoch, und ich denke, da muß es ihnen ja recht kalt sein. Aber
jeder weiß, wie er den Kilt runterhält, wie die Frauen und Mädchen es
ja auch tun — nur ich habe keinen Grund zu dieser typischen Gebärde.
Meine erste Seereise! Und obwohl die Sonne scheint, ist es auf der
Nordsee herbe, der Wind ist kühl, manchmal kalt. Etwas schaudert es mich
vor diesem großen Eisen-Ding, dem Dampfer mit dem dicken schwarzen und
stinkenden Rauch während der ganzen Reise. Auf dem Schiff bin ich nun
ganz unter Schotten, einige Engländer sind auch dabei, die ich daran
erkenne, daß sie Hosen tragen — alles in dieser typisch britischen
gelblich-grünen Uniformfarbe, selbst manche Soldatinnen im Kostüm in
dieser Farbe. Und nun nehme ich mir auch meinen Kilt, besser, ich lasse
mir von meinen Freunden helfen, denn es ist eine besondere Kunst, ihn
richtig anzuziehen.
Trotz der Erfahrung mit dem jungen Soldaten auf dem Lastwagen behalte
ich meine Unterhosen an und sehe, auch die anderen Jungen tragen etwas
ähnliches: flaschengrüne „bloomers“, wie sie sagen. Meine eigenen
weißen, flatterigen Unterhosen sind mir zu auffällig und ich lasse mir
später solche „bloomers“ geben, das sind 1/4-Schenkel-lange, sehr weite,
bauschige Schlüpfer, die unten mit einem Gummiband um die Schenkel
liegen. Sie werden bei uns nur von Mädchen getragen, zum Beispiel von
meinen Schwestern, und ich finde sie häßlich an deren Beinen. Doch so
ernst nehme ich das nun nicht, die Jungen hier tragen sie ja alle, die
Mädchen auch. Dennoch mag ich es nicht, wenn sie zu sehen sind, wenn ich
sitze und der Kilt etwas hoch rutscht, oder wenn der Seewind ihn
hochweht. Ich glaube, wenn wir Jungen diese bauschigen „bloomers“ unterm
Rock tragen, sehen wir etwas breiter aus, nicht so dünn und schmal wenn
nur der Kilt unseren Unterleib umhüllt.
Bild 4
Die Einfahrt zum Firth of Tay,
Dundee, von der Nordsee aus. Zwei junge Soldaten auf Heimaturlaub und
Jacky und ich. Mr. Agnew fotografiert und bittet mich, den Kilt ein
wenig zu heben, um die dunkelbraunen, langen Strümpfe zu zeigen, die so
ungewohnt für die Schotten sind. Für das Foto habe ich über die langen
Strümpfe die guten schottischen Wollkniestrümpfe gezogen. Die anderen
tragen aber einfache Kniestrümpfe wie sie zur soldatischen Uniform
gehören. Es ist ziemlich windig, und einige Kilts flattern. Ich weiß
nichts über die Bedeutung der beiden Käppis, außer daß sie schön sind.
Mein Kilt ist orange mit Rot und schwarzen Karostreifen, die anderen
Kilte sind rot und weiß mit schwarzen Streifen*). Meine Jacke ist
dunkelgrün, die Jacken der anderen sind gelblich-grün und gehören zur
ihrer Uniform.
*) in Wirklichkeit weiß ich nicht, welchen Tartan die britischen Soldaten
in Hameln trugen, wer weiß es? Welches Regiment war es?
Kommandeur war Colonel Riddle, der vor einigen Jahren
gestorben ist. Mein Bruder hatte noch lange Kontakt mit ihm.
Gelassen stehen die Leute an der Reeling, und es ist ein
märchenartiges Bild, wie ihre bunten Kilte umherflattern — flattert
meiner auch so? Alle Jungen und Männer scheinen ihre Knie so richtig zu
zeigen, ihre dünnen dunkelgrünen oder dicken weißen, gestrickten
Wollstrümpfe lassen die Knie frei, und der Kilt auch. Das ist mir zu
nackt, also behalte ich auch auf dem Schiff meine langen
Baumwoll-Strümpfe an. Es wundert mich, daß sie zum Kilt nie welche
tragen, und das habe ich später auch an Land nie gesehen. Ich bin da
eine Ausnahme, denn ich liebe meine Strümpfe und rolle sie nur runter,
wenn ich schon fast schwitze, was im schottischen Hochland selten ist.
Und über die langen Strümpfe ziehe ich manchmal noch die schottischen
Kniestrümpfe — wie ihr es auf dem Bild sehen könnt.
Obwohl ihre Kilte so bunt sind, ist die Kleidung der Leute sonst sehr
eintönig und fast trübe dunkel: in den Militärblusen oder -hemden, die
alle diesen gelblich-grünen Ton haben.
Im Hafen von Dundee steigen wir wieder in einen Militärbus, der uns
zum Bahnhof bringt. Nun ist es schon ein großes Gefühl im Kilt zu gehen,
ein weites Gefühl, weniger eingeengt als in Hosen, auch und besonders,
weil er so bunt ist und weil alle Jungen in unserer Gruppe einen tragen.
Sonst sehe ich selten einen im Kilt auf den Straßen. Und es ist etwas
Leichtes in so einem Rock, mir fällt das Wort „lebendig“ ein. Es ist
gemütlich in ihm, besonders in meinem, der auch die Knie bedeckt und
warm hält, und den ich um die Knie wickeln kann. Es fühlt sich darin an
wie in einem warmen Zimmer.
Im Zug ins Land rein, nach Perth, ich setze ich mich an ein linkes
Fenster und sehe zuerst auf das Wasser des „Firth of Tay“, ein
Meeresarm, und bewundere die Brücke über den Tay, eine hohe und lange
Eisenbahnbrücke. Später kann ich zwei Ansichtskarten kaufen, auf denen
ich genau neben der Brücke kurze, alte Pfeiler stehen sehe, nur noch
Stümpfe, die eben aus dem Wasser ragen, mit ein paar Vögeln draufsitzend
— hier stand mal eine ältere Brücke, und ich schicke eine von den
Karten an meinen geliebten Englisch-Lehrer Dr. Schnaar, ja Friedrich
Schnaar heißt er. Wie ich nach den Ferien in Hameln wieder zur Schule
gehe, erzählt er mir, daß der Dichter Theodor Fontane (der ja viel in
Schottland lebte) über diese ältere Brücke ein Gedicht geschrieben hat,
in dem er ihren Einsturz im Sturm beschreibt, und wir lesen es zusammen
in der Klasse und ich muß von meinen Erlebnissen erzählen und morgen
soll ich meinen Kilt tragen (den ich noch nicht wieder abgeben musste,
und in dem ich nun keine Scham mehr hatte). Dr. Schnaar war begeistert
diese Karte zu bekommen, denn er war noch nie auf den britischen Inseln
gewesen, und so gestaltete er eine ganze Unterrichtsstunde zu Schottland
und allem. Doch zurück zur Reise in die Berge:
Im Bahnhof des Städtchens Perth verteilen wir uns, und ich reise
weiter mit meiner Familie Agnew nach Norden in die Highlands in die Nähe
des großen und kahlen Schehallion-Berges, wo die Agnews ein Haus
besitzen, ganz auf dem Lande und hoch am Berghang und mit einem weiten
Blick über das Loch Tummle, einer dieser langen Seen, in denen Ungeheuer
vorkommen sollen. Das Haus steht mit wenigen anderen sehr einsam, es
ist grau, wie auch das Steindach. Hier ist kein Wald, nur wilde Heide,
auf der Schafe und absonderliche Kühe grasen und auch Hirsche und
Schneehühner vorkommen sollen. Die Schafe und Kühe werden von den jungen
Leuten, auch von Kindern gehütet, und schon am nächsten Tag gehe ich
mit raus.
Von der Bushaltestelle müssen wir noch 2 Sunden durch diese wilde
Gegend bis zum Haus gehen, es ist sehr mühsam, auch weil der Weg sehr
steinig ist, und immer wieder stolpere und rutsche ich hin, und ich bin
froh, daß ich kräftige Schuhe mithabe. Leider reiße ich mir am Knie ein
Loch in einen Strumpf, und abends muß ich stopfen, was meine Mutti mir
noch als Reiseübung beigebracht hatte, aber es ist richtig romantisch,
mit den anderen am brennenden Kaminfeuer zu sitzen und Strümpfe zu
stopfen. Sehr glücklich bin ich, hier zu sein. In dem Haus ist es kalt
und feucht, und Frau Agnew hatte schon bald in dem Kamin ein großes
Feuer gemacht, das nun die ganzen Ferien über brennt, mit Holz und mit
Kohlen. Die stinken etwas, fast wie der Dampfer. Neben den Wegen haben
sie Steinwälle, hinter denen die Schafe leben, mal eine Herde mit
schwarzen Gesichtern, mal eine mit weißen Gesichtern.
Bild 5
Die schottischen Gebirgskühe und ein Hütejunge bei Regen,
Sturm und Nebel, und es ist gerade recht kalt.
Und diese Kühe! Ich denke, die sind von einem anderen Stern: ihr
beiges Haar hängt ihnen über die Augen, sie haben wirklich sehr lange
Hörner, doch Angst hat man vor ihnen nicht, denn sie sind lieb und zahm
und klein.
Ab und zu kommt ein Schafhirte heran und begrüßt uns, und diese
Jungens tragen alle Kilte, schön bunt und auch unterschiedlich in den
Farben, und ich sehe sie schon von weitem an dem grellen Rot oder Blau
oder Grün. Sie rufen fröhlich herüber, „nice weather today,“ obwohl es
gerade regnet und ihre Gesichter und Beine glänzend naß sind und die
Haare triefend im Gesicht hängen. Ja regnet und stürmt, und dazu Nebel,
und ich freue mich über meinen dicken Mantel und über den dick-wollenen
Kilt, der zwar um die Knie weht und die frische Luft unten an den Leib
lässt, aber er wird nie wirklich naß, und das bißchen Nässe, das
reingesaugt wird, trocknet sofort wieder. Die Schäfer tragen gegen Regen
und Wind eine dicke Wolljacke, manchmal recht kurz, meine ich, und an
den Beinen und Füßen nichts, die müssen ganz schön abgehärtet sein.
Und dieses Haus: es ist nicht verputzt, auch innen nicht, und ich
komme mir vor wie in einer Höhle im Felsen, und der große Raum in der
Mitte ist recht dunkel, aber elektrisches Licht haben sie nicht, nur mal
eine Kerze oder eine Petroleumlampe, die stinkt, und das Fenster ist
klein. Mit den beiden anderen Jungen Jacky und Mike wohne ich in einer
kleinen Kammer unter dem Dach, und ein Rauchrohr vom Kamin her erwärmt
es etwas. Zwischen die Steine auf dem Dach haben sie Moos gestopft, das
den Wind abhält.
Die beiden hatten sich schon vorher gewundert über meine langen
Strümpfe, und wie ich mich ausziehe, wollen sie die Strumpfhalter sehen
und das Leibchen und alles, an dem sie festgeknöpft sind. Wir setzen uns
nebeneinander auf ein Bett, und ich ziehe meinen Kilt hoch, damit sie
alles sehen können. Sie finden diese Kleidung so eigenartig wie unsere
Leute in Hameln es eigenartig finden, daß Jungen Röcke tragen.
Am nächsten Tag holen sie sich ihre alten Kilte aus einer Truhe,
schon etwas verschlissen und etwas zu kurz, denn die Kilte von gestern
sind die Sonntags-Kilte, sage ich mal. Eigentlich sind es die Kilte in
dem Muster, das zum ganzen Regiment ihres Vaters gehört. Doch die hier
holen sie sich für die Ferien raus, in den Ferien nämlich tragen die
Jungen und der Vater ihre Familie-Agnew-Kilte, die blau und grün kariert
sind mit roten Streifen, ein wenig düster im Ausdruck. Nun ziehen sie
auch diese bloomers nicht mehr an, und ich mag sie auch nicht und komme
wieder auf meine deutschen weißen Unterhosen zurück. Doch nach zwei
Tagen ziehe ich auch die nicht mehr an sondern habe nichts mehr drunter,
wie die anderen auch — und wie jener Soldat auf dem Lastwagen. Und nun
erst fühle ich mich richtig wohl in meinem knielangen Kilt (eigentlich
ist er etwas zu groß) und wohlig eingewickelt wie in eine warme
Wolldecke und schon ein wenig schottisch. Und sie gehen barfuß, was für
mich schwierig ist, denn alles ist so steinig, und meine Knie frieren
und ich behalte erstmal die dicken Wanderschuhe und die langen Strümpfe
und ein langes, warmes Unterhemd an — und meinen wollenen
Rollkragenpullover.
Die Stimmung mit den Agnew-Kindern ist hier ganz anders als in Hameln
auf der Gaußstraße, wo sie wohnen. Sie stehen früh auf und stürmen
erstmal nach draußen, auch wenn es regnet. Später erst kommt das
Frühstück.
Einige Tage später kommt eine Familie aus dem südschottischen Flachland
zu Besuch, aus den Lowlands. Und nun entdecke ich etwas über Sprachen,
denn unter einander sprechen die eine Sprache, die ist nicht englisch
sondern ähnelt eher dem Deutschen, und ich verstehe ab und zu etwas,
jedenfalls besser als englisch.
Bild 6
Der Schehallion-Berg und die Sommerhütte der Agnews.
Und dann erklären sie mir noch was über die alte schottische Sprache,
die sie gälisch nennen, aber nur noch wenige Leute können sie richtig
sprechen, sagen sie. Und, obwohl diese Leute aus den Lowlands sich auch
als Schotten verstehen, tragen sie keine Kilte. — Übrigens, wie
verständige ich mich eigentlich? Herr Agnew und seine Frau können
einigermaßen deutsch sprechen, und das reicht dann, doch ich versuche
auch, mein Englisch zu verbessern, was sehr viel bringt, wie Dr. Schnaar
mir nach den Ferien bestätigt, obwohl ihm meine neue (schottische)
Aussprache nicht so gut gefällt. Doch ich verstehe nicht, was er damit
meint.
Hier aber begeistere ich mich immer mehr am Kilt. Er ist DAS
Kleidungsstück für mich. Er IST ein Rock, wenn auch die Schotten sagen,
daß ein Kilt kein Rock sei, aber ich glaube, das sagen sie nur, um sich
von den Frauen zu unterscheiden, sie haben etwas Scham davor, sich wie
eine Frau zu kleiden. Ich denke aber, das ist alles nur eine Spielerei.
Mein Kilt ist orange, und sie sagen er ist aus Ulster, was eigentlich zu
Irland gehört, also nicht schottisch ist. Dabei lerne ich, daß der Kilt
auch in Irland und sogar in Wales getragen wird, aber seltener als
hier. Meiner ist sehr lebendig in seinem strahlenden Orange mit ein paar
schmalen, schwarzen und roten Karostrichen drauf. Ja, Irland und so:
bevor ich losreiste, hat meine Mutter mir extra Erdkundeunterricht
gegeben, wir sind die Karte von Groß Britannien durchgegangen, die unter
einer Glasscheibe oben auf einer kleinen Truhe angebracht ist, sehr alt
und sehr wertvoll, aber immer noch alles richtig, sagt sie.
Hier in Schottland tragen alle Jungen zur Schule kurze Hosen, aber in
den Ferien und bei Festen gilt für viele nur ihr Kilt, auch für die
Agnew-Jungen, und für den Vater natürlich auch. Ach ja, und in Hameln
tragen sie den Kilt, um sich von den deutschen Jungen zu unterscheiden,
allerdings in dem roten und weißen Tartan des Regiments. Auch jede
Familie hat ein eigenes Muster, alles Karo-Muster, Tartan genannt. Da
ich keiner dieser Familien angehöre, ist es egal, was ich trage, und
wenn ich aussuchen könnte, würde ich den Tartan dieses Landstriches hier
wählen, er ist in strahlenden, grünen und blauen Farben, mit noch einem
dünnen, roten Strich drin, er wird hier in der Gegend viel getragen,
heißt Grampian wie eben diese Gegend — soweit man überhaupt sagen kann,
daß Kilte hier „viel“ getragen werden, eher selten, eben fast nur auf
Festen und in den Ferien, wenn sie auf dem Lande leben. Er ist heller
als der Tartan der Agnews, er strahlt sogar. Doch ich bekam ja diesen
Kilt mit den orangen Farbtönen, den ich an mir sehr mag, er steht mir,
denke ich, und ich mag gar nichts anderes mehr anziehen. Er passt auch
zu den erd-braunen Strümpfen und dem hellgrauen Pullover.
Mr. Agnew macht Fotos — auch schon auf dem Schiff —, und so bekam ich
einige Bilder, doch für diesen Bericht habe ich sechs Bilder neu
gezeichnet, weil ich gerne zeichne und weil ich Einzelheiten reinbringen
oder weglassen kann, anders als im Foto. Ihr seht, die Röcke und
Kleider der Mädchen sind länger als die Kilte der Jungen. Auch tragen
sie meistens schwarze, lange Strümpfe, die Jungen nie — mit meiner
Ausnahme. Wenn es warm ist, lassen aber alle die Strümpfe und Schuhe
weg, nur nicht in der Schule oder wenn sie in die Stadt fahren.
Bild 7
Zwei Mädchen und zwei Jungen vom Dorf, Mike zeigt uns
seine „bloomers“; ganz hinten stehe ich,
ausnahmsweise mit nackten Beinen.
Einmal bekomme ich — zur Erinnerung sagen sie — ein besonderes Buch
geschenkt, Wee Gillis. Es erzählt mit hübschen Zeichnungen die
Geschichte eines Jungen, der sich entscheiden muß, ob er zu den Schotten
im Gebirge oder in den Lowlands gehören will, schließlich ist sein Weg,
daß er immer hin- und herwandert, beim Kilt bleibt und den Dudelsack
für alle spielt, als umherziehender Musiker.
Manches ist in dem Buch so gezeichnet wie ich es auch gesehen habe.
Zum Beispiel die Häuschen und die Schafsweiden und diese niedlichen
Kühe. Und zum Beispiel das Frühstück: eine Schale mit Hafergrütze und
Schafsmilch, und einmal habe ich mir eine Schale voll auf meinen Kilt
geschüttet, und ihr werdet euch wundern: nichts blieb auf dem Kilt
zurück, denn schnell sprang ich auf und schüttelte die Milchtropfen vom
Stoff und . . . er war sauber wie vorher. Diese Schafwollstoffe sind
doch was wunderbares — dafür ist es auch viel Arbeit, die Schafe zu
hüten, zu scheren, die Wolle zu bearbeiten, zu färben, zu spinnen und am
Ende die Stoffbahnen und den Kilt zu machen. Alles wird zuhause oder in
kleinen Werkstätten gemacht. Und deswegen sind die Kilte so teuer.
Was ist denn eigentlich ein Kilt genau? Das ist ein Wickelrock, der
aus einer Stoffbahn von 6 m Länge besteht, wenn er für Erwachsene ist,
doch für Jungen ist die Bahn natürlich kürzer, Mädchen tragen ja keine,
sie tragen Röcke wie bei uns auch. Die Breite der Bahn ist so, daß der
fertig gewickelte Kilt eben oberhalb des Knies endet — es ist ein Stolz
der echten schottischen Männer und Jungen, daß die Knie für alle
sichtbar sind, vielleicht tragen sie deswegen keine langen Strümpfe,
obwohl es im Winter doch recht kalt sein muß. Ich habe hier ein Buch
gesehen, das heißt „Red Legs”, von einem Jungen, der so arm ist, daß er
sich im Winter keine langen Hosen leisten kann und dessen nackte Beine,
die sich aus dem alten und schon zu kurzen Kilt herausstrecken, immer
rot vor Kälte sind, daher sein Name.
— Und ihre Knie betonen diese Schotten noch mit den wollenen
Kniestrümpfen, die auf den Waden zu einer dicken Wurst umgeschlagen
werden. Bei warmem Wetter ziehe ich meinen Kilt etwas hoch, damit meine
Knie auch zu sehen sind, denn eigentlich reicht er zu weit runter, und
rolle meine langen Strümpfe zusammen bis unter die Knie, das sieht dann
schottischer aus.
Die Stoffbahn für den Kilt ist in der Mitte in viele Falten gelegt,
doch an den beiden Enden ist sie ohne Falten. Die Falten sind am oberen
Handbreit festgenäht und der gefältelte Teil kommt nach hinten. Dieser
obere Rand ist mit einem breiten Stück Stoff umnäht und sieht wie eine
Art Binde aus, ohne Falten. Man beginnt mit dem Wickeln auf der linken
Hüfte, dann vorne, rechts und hinten herum wieder zur linken Hüfte,
weiter bis vor den Bauch bis die Bahn schließlich an der rechten Hüfte
endet. Dort ist der Kilt also offen, er ist nicht zugenäht wie Röcke
sonst, also ein Wickelrock.
Das alles bringt es mit sich, daß der fertig gewickelte Kilt über dem
Po von der einen zur anderen Hüfte aus lauter Falten besteht. Doch
vorne ist er platt. Der Kilt wird rechts durch zwei seitliche Schnallen
und rundherum durch einen Gürtel gehalten. Die Stoffbahn ist unten und
an den Seiten nicht gesäumt, und sie franst aus, was für Deutsche
vielleicht unordentlich aussieht. Doch mir kommt es vor, daß nicht nur
der Rock sondern auch der Stoff nach unten offen ist — und das gibt mir
ein Gefühl, nach dem ich mich sehne soweit ich mich erinnern kann: der
Erde nahe, offen für die Begegnung mit der Erde, so sage ich das heute.
Spätere Erweiterungen:
Dort, wo der Gürtel ist, ist eine Art Trennung zwischen unten und
oben, und ob das seelisch so gesund ist, weiß ich noch nicht. Später
habe ich die Idee — und auch mal die Erfahrung —, daß dieses eine
Trennung zwischen meiner Bindung mit der Erde und meinem Denken und
Wissen im Kopf ist. Das Vollständigste wäre es, wenn beide ineinander
übergingen, ohne diese Trennung, ohne Gürtel, in einem langen
Kleidungsstück. Und dazu wäre eine Art Kleid mit Kapuze, also eine
Mönchs-Kutte das beste. Doch das kann ich einem Kind nicht empfehlen,
das wäre zu viel Hinwendung auf solcherart Vorstellungen. Und das Leben
eines Kindes ist fröhlicher und lebendiger.
Wenn ich in einer Kutte — ich hatte nie eine — die Kapuze über meinen
Kopf ziehen würde, dann öffne ich mich der Erde und den tiefen
Gefühlen. Und ich öffne mich dem Himmel und dem Denken und Wissen, wenn
ich sie absetze. Das erste ist eher weiblich, das zweite eher männlich.
Am Ende ist beides in mir und ich liebe es, in beidem zu leben.
Weil der Kilt so viele Falten hat, kann er weit umherwehen wenn der
Wind ihn hebt oder ich tanze. Das Umherwehen mag ich, dann kommt kühle
Luft an meinen Körper und die anderen können sehen, was ich unter dem
Kilt trage — wie das bei den Mädchen bei uns ja auch ist. Und meine
Strumpfhalter werden manchmal auch sichtbar. Die Frauen mögen ja nicht
gerne, wenn ihre Halter von den anderen gesehen werden, aber mir macht
es Spaß — bin ja auch keine Frau . . .

Bild 9
mein Kilt im irischen Ulster-Tartan.
Wegen der Hochland-Kälte trug ich meistens
meine Langen Strümpfe
und den Pullover
— und wenn ich heute — nach Jahrzehnten — diese Fotos von mir sehe, finde ich das sogar süß.
Auch sonst ist ein Kilt sehr bequem, weil es geräumig ist in ihm.
Fahrradfahren müsste auch gehen, doch das habe ich nie gesehen, doch bei
uns zuhause fahren Frauen und Mädchen ja auch im Rock Rad. Und wenn sie
richtig sein sollen, sind die Kilte bunt kariert, nach einem Tartan,
das heißt nach einem Muster, das zu einer Gruppe von Familien gehört,
Clan genannt, oder auch zu einer Landschaft
— mein geliehener orange
Kilt gehört ja zur Landschaft Ulster, doch sonst habe ich mit dieser
Landschaft nichts zu tun — oder er gehört zu einem Soldaten-Regiment.
Ach, das habe ich ja schon geschrieben.
Absonderlich ist auch, daß die Schotten nicht ein Wappen-Tier haben
wie wir den Adler, sondern eine Wappen-Pflanze, und dazu eine recht
stachelige: die stacheligste Distel, die ich mir denken kann. Überall
haben sie sie abgebildet. Und das soll so gekommen sein, hat Frau Agnew
mir erzählt:
Vor hunderten von Jahren haben mal Wikinger aus Norwegen eine
schottische Soldatenschar angegriffen. Es war Nacht und Neumond, und die
Schotten schliefen und die Wikinger dachten, so ist das Anschleichen am
einfachsten. Rund um das Lager wuchsen aber diese Disteln, und als die
Wikinger mit ihren nackten Füßen in das Distelfeld kamen, schrien sie
vor Schmerz auf, und der Angriff konnte abgeschlagen werden, und die
Schotten verfolgten die Wikinger bis zu ihren Schiffen, so daß die
Wikinger erstmal das Land verlassen mußten. Zum Dank wurde die Distel
zur Wappen-Pflanze erkoren.
Von einem dumpfen Knall wache ich auf, schade, dieser schöne Traum
ist so plötzlich zuende. Was war das denn, dieser Knall? Neben mir liegt
ein Buch und meine Mutti steht da und schreit „aua, ich habe mich
gestoßen“. Und sie lacht dann und sagt, „sieh mal, was ich für dich
erstanden habe, ein altes Buch, wo du doch so für Schottland schwärmst“.
Schnell setze ich mich hin und nehme das Buch in die Hand: es ist das
Buch, das die Agnews mir im Traum geschenkt haben, wie ist das möglich?
„Wee Gillis“ von Munro Leaf und Robert Lawson. Es ist nach so vielen
Jahrzehnten noch immer bei mir, und wenn ihr da mal reinschaut, könnt
ihr die Lowlander und die Highlander sehen, wie sie leben, lebten in
alter Zeit, ich weiß nicht, ob es noch heute so ist, heute im Jahre
2005. — Die schottischen Soldaten haben Hameln nach etwa zwei Jahren
wieder verlassen. Später habe ich Schottland nur einmal kurz besucht und
niemanden getroffen, die oder den ich kannte — wie sollte auch, da
alles nur ein Traum war. Doch auf dieser Reise 1978 habe ich ein paar
Fotos gemacht, und einiges in diesem Traum habe ich dort wirklich
gesehen. Doch meine Träume über Schottland kommen von meiner uralten
Vorliebe für Kilte und für farbige Kleidung. Und heute trage ich nur
Röcke, viele mit schottischen Tartans, doch da meine Beine wegen einer
alten Krankheit Bedeckung brauchen, reichen meine Röcke alle bis in die
Mitte der Waden oder tiefer, und die Sitte mit den langen Strümpfen habe
ich deswegen auch beibehalten, im Winter bunte aus Wolle, selbst
gestrickt.
Dann nähte mir eine Freundin, Carry heißt sie, vollendete Röcke, die
eine gewisse Ähnlichkeit mit echten Kilts haben — danke Dir! Dazu kaufe
ich mir echte Tartans, unter anderem Buchanan, Flower of Scotland, Dawn
(IR) …
Im September 2007 traf ich einen schottisch-deutschen Jungen, Samuel,
der sah sofort, daß der Rock, den ich gerade trug (nicht der auf dem Bild), vom Tartan Buchanan
ist, aber er sprach das Bjukännen aus, und sein Vater (und damit Samu
auch) sei aus diesem Clan – das fand ich sehr schön, danke Samu. Nun ist
die Familie nach Thüringen gezogen.
Im Jahre 1845 wurde von James Logan ein Buch veröffentlicht mir
vielen bunten Bildern von Schotten im Kilt in Clan-Tartans, die Robert
Ronald McIan entworfen hatte. Es heißt „The Clans of the Scottish
Highlands“. Ihr könnt die einzelnen Bilder sehen in der Internet-Seite
http://www.the-clann.co.uk/book/additions/mcian.htm
. 100 Jahre später, 1948, gab es nochmal eine kürzere Fassung einiger
Bilder aus diesem Buch in „Highland Dress“ von George F. Collie. Er
beschreibt auch die Geschichte des zuerst genannten Buches. Unter
http://www.the-clann.co.uk/book/highland_dress.htm
könnt ihr mehr lesen. Dieses Buch habe ich, das von 1848 ist mir aber
zu teuer, obwohl ich hoffe, daß es mal wieder nachgedruckt wird — heute,
wie es wieder ein wenig in Mode kommt, daß Männer Röcke tragen, und
viele von den heutigen Rockträgern tragen Kilte, andere Männer aber
tragen andere Arten von Röcken mit schottischen oder irischen Tartans
oder anderen Mustern, seht mal in die Internetseite
www.rockmode.de und von dort weitere Links.
Vieles habe ich in den schottischen Bergen erlebt. Besonders
mit Jacky, den älteren Sohn der Agnews. Nach ein paar Tagen merkten Jacky und
ich, daß wir uns liebten — so schlicht wie halbwüchsige Knaben sich eben lieben
können. Das gab manche schöne Erlebnisse, und für mich war es der Beginn meiner
Liebeskraft überhaupt.
Da erinnere ich mich an eine Tageswanderung zum
Shehallion-Berg, erst mit einem besegelten Ruderboot über das Loch Tummel, dann
zwei oder drei Stunden den Berghang hinauf. Mit vielen Pausen — Jacky ist einen
Kopf länger, obwohl wir gleichalt sind. Einmal umfasste er mit seinen Händen mein Gesicht, „du bist
so schön, ich muß deine — Wangen küssen, darf ich?“ — und bald küssten wir
einander auf ganz süße Weise. — auch die Lippen, die Augen . . . es war sehr schön, wunderbar . . . ich konnte mich hingeben . . .
Wie wir weiter stiegen, fragte Jacky, ob er meine Strümpfe fühlen
dürfte, die Knie in den Strümpfen, und ich hob den Kilt etwas und zeigte sie
ihm, und Jacky streichelte die Beine in den Strümpfen — was mir sehr genüßlich
war.
Jacky strich die Beine immer höher, bis er den Rand des
Strumpfes erreichte und meine nackte Haut berührte. Das war mir sehr wohl,
seine kühle Hand . . . und er sagte, „du bist wirklich ein sehr
schöner Knabe! Wie schön, daß du auch wie wir einen Kilt angezogen hast.“
Wir legten uns in die Kräuter und wälzten uns miteinander
und küssten uns wieder. Und wir schlangen unsere Arme einander um Hälse
und Köpfe. Wie gesagt, es war ein steiler Hang, Wiese, Gras, Kräuter.
Wir küssten uns voller Inbrunst und merkten kaum, daß wir etwas
runterutschten, mit den umschlungenen Köpfen zuunterst, in ein
verdeckendes Blättergebüsch. Unsere Kilts flatterten im Gras, und unsere
Beine waren entblößt — außer meine dicken Stiefel und die dunklen
Strümpfe, die meine Beine bedeckten. Alles war bloß, merkten wir erst
nachher — und zurück im Agnew-Haus zog ich mir wieder meine Unterhose
drunter, es war mir zu nackt gewesen da oben am Hang. Wie gut, daß
niemand vorbei kam.
Bild 10
ich küsse mich mit Jacky im Gebüsch,
unsere Kilts sind sehr verrutscht,
weiß leuchten unsere Unterhemden hervor.
Wir haben — zögernd und leise — unser Erleben
den Agnews erzählt, und der Maler, der gerade
zu Besuch war, hat dieses Bild gemalt.
Schlichte Knabenliebe ohne Scham
1946: a German boy visits Scotland and falls in love
with Jacky — here they kiss hidden under a shrub.
The German boy wears long stockings as it was then
usual in Germany in cold season — Jacky not.
Simple boy love without shyness
So, und nun werde ich anfangen, die Bilder zu meinem Bericht —
erträumt oder echt — zu zeichnen, sie sind — außer dem Brückenbild —
lange ersehnt, schon immer, seit meiner Kindheit in den 1930er
Jahren in Hameln. Das Bild 1 mag es aber gewesen sein, das ich mit
etwa 8 gesehen habe, und das den Anlass zu der ganzen Hinwendung meiner
Fantasien gab.
unten
Bilder 8 und 9 aus dem Internet
Zwei alte Bilder mit Jungen im Kilt und langen Strümpfen:
von Aryaman Stefan Wellershaus
Ma.Aryafrau@gmx.de
Eingestellt von Aryaman, Dr. Stefan Wellershaus am 10.IV.2013
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E) Isa´s Leben bei Frau Katharina
Bild 1
nach Balthus: Isa bei Frau Katharina
die Liste aller Blogs von mir:
Neulich fand ich (Aryaman) die gemalten Bilder von den Mädchen des
Malers Stanislas Klossowski de Roda aus Frankreich, genannt Balthus,
interessant.
Daraufhin kaufte ich mir sein Buch „Balthus“, herausgegeben 2001 im Parkland Verlag Köln.
Aus des Balthus´ Kunst habe ich mir diese Geschichte erfunden und mit
zwei eigenen Bildern — plagiiert nach Balthus — versehen. Die
Geschichte macht mir Freude, aber sie ist auch ein Hinweis, wo die
Bedürfnisse vieler Menschen liegen, nämlich die gelegentliche Rückkehr
in frühe Kindheit, ganz emotional, ganz an die körperlichen Erlebnisse
gebunden — die ja so sehr vernachlässigt sind in vielen Familien, ja von
der Gesellschaft (in die wir ja alle eingebettet sind) abgelehnt. Und
Balthus hat dem ein Podium gegeben, für Mädchen, übrigens Otto Lohmüller
für Jungen, doch letzterer traut sich da weniger, oder sieht das anders
als Balthus es sieht. An den Schluß setze ich noch einen Kommentar zu
meiner Geschichte.
Diese Geschichte ist recht altmodisch und passt nicht mehr in die heutige Zeit. Dennoch: ein wenig Historie für euch.
„Sehr verehrte Frau Katharina,“ so begann ich meinen Brief an meine
Geige-Lehrerin; — wenn ich das so gesprochen hätte, wäre meine Stimnme
zitterig gewesen, aber so konnte ich mein Anliegen schreiben. Auch meine
Hand und die Füllfeder zitterten, und ich mußte den Brief drei Mal
schreiben, eher er glatt und ordentlich ausfiel und ohne Fehler.
„Sehr verehrte Frau Katharina, Sie kennen mich noch nicht lange, und
dennoch möchte ich Sie bitten, daß ich in den Herbstferien bei Ihnen
wohnen und leben darf. Meine Eltern werden in den warmen Süden reisen,
wie sie sich ausdrücken, und nun suche ich eine Bleibe. Mit meinen
Eltern möchte ich nicht reisen, und ich glaube, sie wären sowieso lieber
allein. Sie, verehrte Frau Katharina, wissen ja, daß ich mit meiner
Mutter nicht so gut zurechtkomme, und sie mit mir ja auch nicht, und bei
Ihnen fühle ich viel Wärme und Verständnis für meine alles umfassende
Liebe.“
So manchen kleinen Roman habe ich schon gelesen, meistens
Liebesromane aus dem vorigen Jahrhundert, also aus den achtzehnhunderter
Jahren, und aus ihnen habe ich so manche Formulierungen übernommen, die
ich benutze, wenn ich mit Frau Katharina zusammen bin. Eigentlich heißt
sie Katharina Holtzmann, doch ich nenne sie bei mir Frau Katharina
Mägdefrau, ein Name, den ich mal gehört hatte. Denn ich finde es
abscheulich, wenn Frauen immer Männer-Nachnamen haben, wieso eigentlich,
sie sind doch keine Männer, und schon gerade nicht: sie gehören doch
nicht den Männern. Und ich darf sie mit Frau Katharina anreden, was ich
liebendgerne tue.
„Am Donnerstag, dem nächsten Geige-Unterricht in Ihrer Wohnung, werde
ich Sie dann fragen, bitte, sagen Sie, daß das geht, und daß Sie gerne
möchten, wenn ich bei Ihnen bin.
In Verehrung Ihre Isa mit der Geige.“
Den Brief ließ ich — wieder zitternd, auch zögernd — in ihren
Briefkasten fallen, als ich zur Schule gehend an ihrem Haus vorbeikam.
Nachmittags war ihre Antwort schon da:
„Liebe Isa mit der Geige, Dein Brief hat mich sehr erfreut, ach, Du
weißt doch, ich liebe Dich wie wenn Du meine Tochter wärest. Natürlich
darfst Du kommen. Es wird ja für zwei ganze Wochen sein, und wir können
ordentlich viel Geige spielen und miteinander lernen und für uns allein
schöne kleine Hauskonzerte machen, und auch sonst gute Zeiten
miteinander haben. Bitte komm!
Bis zum Donnerstag.
In Liebe Deine Frau Katharina.“
Die Ferien werden erst in ein paar Wochen sein, doch an meinem
nächsten Unterrichtsgang zu ihr war es mir, als wenn ich zu einem
Liebes-Rendezvous ginge, was ich allerdings nur aus meinen Büchern
kenne. Ich habe so etwas noch nie selbst erlebt. Und irgendwie soll
dieser Besuch ja so etwas sein, ein Liebes-Rendezvous, da geht mein
Sehnen hin. Meine Liebe zu Frau Katharina ist so stark, wie sie zu einem
Jungen nie sein kann, glaube ich.
Ganz besonders hatte ich mich heute gekleidet, hatte lange vor dem
Spiegel gestanden (meine Mutter bemerkte spöttisch: es ist doch nur zu
Frau Holtzmann), hatte meine langen dunklen Haare lange gekämmt, ein
wenig Rouge auf die Wangen gelegt und eine viertel Stunde nach dem
richtigen Halskettchen für diesen Nachmittag gesucht, schließlich nahm
ich eine Kette aus runden dunkelgrünen Steinen mit einem kleinen
goldenen Medaillon unten dran.
Ein langes Kleid suchte ich mir raus, das aus einem weiten schwarzen
Rock besteht, der bis über die Knie runter reicht, mit einem Oberteil
aus einem feinen rot-rosa Karomuster und einfachen langen Ärmeln. Und
feine graue Baumwollstrümpfe, ein hell-dunkelgrün gemustertes Halstuch,
es ist wohl aus Seide, und mein Vater hat es mir mal von einer seiner
langen Reisen mitgebracht. Meine elegantesten Schuhe sind schon halbe
Pumps, mit etwas erhöhten Absätzen, in Schwarz mit einem kleinen
Zierschleifchen oben drauf, die holte ich mir aus dem Schuhschrank.
Der Weg zu Frau Katharina ist nur zehn Minuten, es ist herbstlich
kühl und stürmisch und mit etwas Regen, die Blätter fliegen umher und
bedecken dicht die Wege in dem Park, an dem ich vorübergehe. Mein dicker
beiger Wollmantel schützt mich vor dem Wetter, es ist ordentlich warm
darin. Die Haare fliegen wild im Sturm und müssen nachher wieder gekämmt
werden — vor Frau Katharinas Spiegel auf dem Flur. Die Haare erinnern
mich an die Krähen, die ebenso wild vom Sturm durch die Luft gewirbelt
werden. Ich wundere mich, wie die das überhaupt schaffen. An den Beinen
ist es mir aber etwas kühl, Mantel und Kleid bedecken sie ja nicht ganz,
und die Strümpfe sind zwar warm, aber nicht warm genug für dieses
Wetter, und der Kleid-Rock ist unten so weit offen, daß er manchen
Windzug nach oben dringen lässt. Dennoch, bis zu einem gewissen Grad mag
ich diese Kühle.
Zögernd klingele ich an Frau Katharinas Tür. Sie öffnet … ach diese
besondere Tür, vom Hausflur aus in ihre Wohnung, die im Erdgeschoß mit
Ausgang zum hinteren Garten liegt. Diese Tür ist creme-farbig lackiert
und glänzt wie neu, sie hat zwei Fenster nebeneinander, hinter denen
weiße Gardinen gespannt sind. Nach oben ist die Tür leicht gewölbt — wie
der Rahmen auch, natürlich. Und der Türgriff: er ist aus Messing, blank
und spiegelnd, geformt wie ein großes Schneckenhaus, wie aus einem
alten Märchenbuch genommen. Der Griff ist auf eine Messingplatte an der
Tür montiert, die wie Blätter eines Baumes geformt ist, drei Blätter um
den Griff angeordnet, so ein Baum steht vor dem Haus, er wird Gingko
genannt. Jetzt im Herbst sind seine Blätter gelb, begeisternd schön.
Der Türrahmen ist breit und ebenfalls creme-farbig lackiert, doch ein
schmaler hell-orange Strich zieht sich rund herum, entlang der Mitte
jedes Brettes des Rahmens.
In der Mitte der Tür ist einer dieser metallenen Drehgriffe für eine
Glocke innen. Ich drehe ihn und die Glocke scheppert eher als daß sie
klingt. So sind die älteren Türen.
Frau Katharina also öffnet — leise sagt sie, „komm, Isa, du bist ja
so früh“. Ich werde wohl rot und sage, „ja, ich habe mich so nach Ihrer
Wärme gesehnt“.
Sie trägt ein langes Kleid, es ist weit und raschelt, wenn sie geht.
Das Kleid ist schwarz und dunkelgrün senkrecht gestreift, jedenfalls
unterhalb der Taille. Die dunkelgrünen Streifen verstecken sich hinter
den Falten aus schwarzem Stoff, wenn Frau Katharina stillsteht, doch
wenn sie sich bewegt und wenn sie sitzt, sehen sie hervor. Und der obere
Teil des Kleides ist aus demselben Grün, er ist weit, gebauscht, hat
einen Kragen wie ein Herrenhemd und vorne ein paar stoffüberzogene
Knöpfe, wieder in Schwarz. Um den Hals trägt Frau Katharina ein beige
Tuch geschlungen, ich denke, es ist aus Seide. Die Ärmel des Kleides
sind halblang, und am Ende sind sie gerüscht, und ein schmaler Streifen
von weißer Spitze sieht heraus.
Ihr Haar ist noch dunkler als meins und hängt heute halblang
herunter, es ist etwas zu wild, denke ich; doch Künstler sind wohl so.
Später, wie Frau Katharina auf einem Stuhl mit altmodischer,
gerundeter Rücklehne sitzt, sehe ich, sie trägt dunkelgraue Strümpfe und
feine dunkelbraune Schuhe, die Absätze sind hablbhoch wie bei meinen
Schuhen auch.
Ich hänge meinen Mantel an die Garderobe, wo schon ein tomatenroter Mantel und ein helles Cape hängen.
Dann sehe und wittere ich ein wenig umher — Frau Katharinas Wohnung
duftet, einserseits nach Ölfarbe der Türen, sie sind alle so gestrichen
wie die Flurtür. Dann nach Bohnerwachs und schließlich nach einem
Parfüm, wovon ein Fläschchen im Bad steht. Auf dem Fläschchen — Flacon
nennt sie das Fläschchen — ist ein grün-goldenes Schild mit der
Aufschrift „4711 – Eau-de-Cologne“. Frau Katharina tropft mir zwei
Tropfen innen auf jedes Handgelenk und weist mich an, immer mal wieder
daran zu riechen.
Die ganze Stimmung in Frau Katharinas Wohnung ist so ganz anders als
bei uns, gediegener möchte ich sagen, ein wenig altmodisch, fein, ruhend
— obwohl Frau Katharina gar nicht alt ist, ich schätze sie auf
höchstens 30, jedenfalls jünger als meine Mutti. Ich nehme meinen
Geigenkasten, und wir gehen in Frau Katharinas Musikzimmer. Sie nimmt
mich in ihre Arme, schiebt vorsichtig ein paar meiner Haare zur Seite
und küsst mich auf die Stirn, streicht mir leicht mit ihrer duftenden
Hand über meine rechte Wange, „wie zart sich deine Haut anfühlt. Du
siehst wunderschön aus, Liebes,“ sagt sie einfach.
Ich möchte mich tiefer in ihre Arme und in die raschelnden Falten
ihres Kleides fallen lassen — doch habe ich Scheu. Ein paar Tränen
möchten in meinen Augen fließen, doch ich bleibe nüchtern, halte meine
liebende Rührung zurück. „Komm, wir wollen eine Stunde üben, und ich
möchte dir einiges Neues zeigen.“ Sie setzt sich ans Klavier, und nach
einigen früheren Übungen, die ich wiederhole, versucht Frau Katharina,
mir die Anfangsgründe des Vibrato zu zeigen. Schon wie ich dieses Wort
höre, beginne ich wieder zu zittern, meine Sehnsucht nach ihrer Nähe
lässt meinen Körper beben, mein Gesicht ist ganz ernst, fast steif.
„Vibrato einzuüben passt in deine Stimmung heute, du vibrierst ja schon
ohne die Geige zu berühren — was ist mit dir?“
Ich kann nichts sagen — es ist einfach so schön hier. Wohl ist es
noch mehr, aber ich kann es nicht ausdrücken. Verlegen sehe ich mich im
Raum um, wir sind beide ganz still, nur das Rascheln … An der Wand sehe
ích ein großes Bild, von einem Mädchen, das ein dunkelrotes Kleid anhat,
es sitzt auf einem eigenartigen Sofa und hält einen Handspiegel hoch,
in dem sich eine Katze ansehen soll. Ich weiß nicht, ob Katzen sich im
Spiegel erkennen können, doch das Bild liebe ich. Das Mädchen hat ein
Mantelkleid an, und besonders mag ich ihre knallroten Strümpfe, die ich
bis weit unter ihr Kleid sehen kann, sie hat es etwas hoch gerafft wie
sie da so sitzt. Jetzt erkenne ich, die Strümpfe haben dunkelgraue
Streifen in Längsrichtung, von den Füßen bis hinauf unter den Rock
verlaufend — und dann das Knallrot dazwischen —, nur oben ist breiter
ein hellroter Rand … und gehalten werden sie von schwarzen
Strumpfhaltern — oh, was für eine schöne Kleidung!
Doch noch ist die Stunde nicht um, und statt des Vibrato übe ich
einen Ton lange zu halten, einen langen gleichmäßigen Strich zu spielen —
ist das eine Vorübung zum Vibrato?
Später höre ich von Frau Katharina: „Das Bild hat mir ein Freund
geschenkt. Er hat es extra für mich gemalt weil er weiß, daß ich so ein
Sujet liebe. Und er sagte dazu, so könnte ich mir eine kleine Freundin
von dir vorstellen … und nun …“ Sie kann nicht weitersprechen. „Was ist
nun?“ frage ich ungeduldig. „Ja, und nun bist du vielleicht … hast du
rote Strümpfe? Ich möchte dir gerne mal solche schenken, mit langen
dunklen Streifen auf knallrot, ein Paar, ja?“ Schweigend und voller
Wundergefühl höre ich, „willst du meine kleine Freundin sein? So ähnlich
wie der Maler Baldhaus sie dort gemalt hat? Vielleicht hat er dich
schon gemalt … in Vorahnung, denn das Bild ist gewiß schon zehn Jahre
alt, da kannte ich dich noch lange nicht, fast bist du da noch in der
Kindersportkarre gefahren worden.“
Versonnen sieht Frau Katharina auf das Bild und dann auf mich. „Ja,
da ist auch eine Ähnlichkeit zwischen euch beiden.“. Sie steht auf und
holt ein feines rosa Tuch, das sie mir um den Hals legt, und küsst mich
wieder auf die Stirn.
„Ach, eigentlich haben wir genug geübt.“ Sie geht wieder zu dem Stuhl
mit der runden Lehne und fragt unsicher und steif, „willst du dich auf
meinen Schoß setzen? Ich würde mich sehr freuen.“
Verlegen stehe ich vor
ihr und weiß nicht, was ich will. Ja, das würde ich gerne, doch geht
das nicht zu weit? Bin ich noch so klein? Schließlich gehe ich langsam
zu ihr und setze mich so, daß sie meinen linken Arm um ihren Hals zieht,
und meinen Kopf an ihre rechte Schulter legt. So sitzen wir still
zusammen, eine ganze Weile lang. Es kommt etwas hoch in mir, ich fange
an zu schluchzen, vor Seligkeit und Freude, „ich liebe sie so, Frau
Katharina“ schluchze ich.
Sanft streicht sie mir wieder über das Gesicht. Sie dreht meinen Kopf
hervor aus ihren Kleidfalten, streichelt ganz fein meine Lippen mit
zwei Fingern, und streicht mir dann über die Brust. Sie muß fühlen, daß
meine kleinen Brüste nun etwas harte Knospen haben — das hatte ich noch
nie erlebt, ich kenne dieses Gefühl gar nicht. So ist es, immer was
Neues — ist mein Leben noch so kurz mit 16 Jahren, daß Neues noch so
schnell aufeinander folgt?
… dennoch: mein Körper ist noch ziemlich klein, ich komme mir immer
wieder vor wie ein 14-jähriges Mädchen. Und diese Frau ist so groß — ich
würde gerne ihr Kind sein, ihre Tochter. Sehnsüchtig schluchze ich noch
ein wenig.
Frau Katharina sagt sanft, „es ist doch gut mit uns beiden, ich liebe
dich auch, du liebe Isa,“ und streicht wieder über mein Gesicht … „so
ein schönes weiches Gesicht, und so naß von den sehnsuchtsvollen
Tränen.“ Sie legt ihren rechten Arm um mich. Mit der linken Hand berührt
sie mein Knie, „das darf ich doch?“ Leise und wonnevoll nicke ich,
natürlich darf sie, ich mag es so gerne wie ihre Hand mein Knie umfasst.
Frau Katharinas Hand schiebt mein Kleid so weit hoch, daß sie die Knie
ganz sehen kann.
Langsam schieben sich ihre Finger über meine Knie, und durch die
leicht gerippten Baumwollstrümpfe ist das Gefühl so schön. Und wie sie
meine Schenkel mit ihrer ganzen Handfläche streicht, die Hände wärmend
darauf legt, könnte ich schon wieder zerfallen …
Frau Katharina schiebt mein Kleid noch höher, und da kommt mir das
Gefühl, mich ganz zu öffnen. Ein Gedanke kommt nach oben — zwischen all
diesen Gefühlen mal ein richtiger Gedanke: so ein Kleid verschließt uns
voneinander, und wenn wir es hochschieben, öffnen wir uns für tiefe
Gefühle. Mädchen und Frauen haben es leicht miteinander: einfach das
Kleid hochraffen. Für die Menschen mit langen Hosen ist es da
schwieriger, deswegen will ich nie Hosen tragen (später, in sehr
schwierigen Zeiten werde ich es doch mal tun).
„Gleich wird Herr Baldhaus mich besuchen, er wird durch den Garten
und durch die Verandatür hereinkommen. Wir haben uns sehr gerne. Würde
es dir unangenehm sein, wenn er uns so sieht?“ Ich denke ein wenig und
finde, „nein, es wird mir nicht unangenehm sein, wenn SIE das nur mögen.
Ich mag es, meine Liebe auch anderen zu zeigen — wie ich es auch mag,
meine Tränen und mein Lachen nicht zu verstecken, alle guten Menschen
dürfen mich sehen, meine Gefühle.“
Aber Herr Baldhaus kommt noch nicht. Frau Katharina dreht mein
Gesicht zu sich hin und berührt meinen Mund still mit ihren Lippen.
Bisher hatte ich nur — gelegentlich muß ich gestehen — meine Mutti
geküsst, so zum Gruß, mehr nicht, — meinen Vati sehr selten, ich mag das
bei ihm nicht: seine Bartstoppeln sind mir unangenehm, und ich habe
Angst, daß er meine zarten Lippen zerkratzt. Außerdem raucht er viel,
und sein Atem riecht unschön, richtiger: er stinkt …
Doch Frau Katharina´s Kuß, so leicht und so voller Reinheit und Düften
und Liebe … auch wieder etwas ganz Neues, es berührt mich ganz tief,
zieht sich durch meinen ganzen Körper, bis unten hin. Wieder dieses
Vibrieren überall, dieses feine Zittern, besonders da unten im
Unterbauch und zwischen den Schenkeln. Frau Katharina sagt, „berühre
doch mal mit einem Finger meine Kehle, fühle wie weich sie ist, und doch
hart innen. Da spürst du mein Sprechen, und mein Singen …“ Und sie
singt ein kleines Lied, und ihre Stimme klingt so hell und mädchenhaft
wie ich es nur von Kindern kenne. Ich denke, ist sie vielleicht noch
etwas ein Kind? Ist es DAS, was ich an ihr liebe?
Dann: „nun streiche langsam nach unten, entlang meiner Körpermitte, über
den Bauch und dann …, doch nun sitzt DU da ja, und es geht nicht
weiter.“
Frau Katharina lässt meinen Oberkörper, der in ihrem Arm liegt, nach
hinten sinken. Es ist mir so, daß ich richtig hineinsinke, ich lasse in
ihrem Arm versunken so manches los, an das ich mich sonst festklammere,
zum Beispiel, daß ich für mich stark sein muß, das ich ICH bin und
niemanden daran lassen darf … Frau Katharina sagt. „wie weit möchtest du
dich öffnen, wie frei und lose möchtest du sein?“
Ich tue einfach etwas, ich schiebe meinen Kleidsaum höher — als
Enladung für Frau Katharina´s Hand, weiter meinen Schenkel zu streichen.
Ich schiebe ihn so hoch, daß die Schenkel oberhalb der Strümpfe frei
werden, kühl wird es mir da nun, fast wie vorhin im Parkwind. Und Frau
Katharina berührt mit einem Finger meine Strumpfhalterspange, „die
blitzen ja wie aus Silber, so ein Schmuck!“
Verlegen sagt sie, „ich wünsche mir, daß du dein Kleid ganz nach oben
ziehst, und deinen Unterrock auch — oh ist der schön, mit einer
wundervollen Spitze, wie kommst du nur dazu?“ Den schwarzen Kleidrock
und den weiten weißen Unterrock raffe ich hoch bis sich beide auf meinem
Oberkörper häufen, möchte ich mal sagen, und an der Seite weit
hinunterhängen. Nun ist mein Bauch, mein Nabel, alles ist bloß für Frau
Katharina´s Augen hingelegt, und ich fühle mich offen, fast als ob mein
Körper sich öffnet … eine winzige Erinnerung kommt auf, wie ich als ganz
kleines Kind vor meiner Mutter lag und sie meinen nackten Leib einölte
und streichelte. Es ist eine wehmütige Erinnerung, denn nun ist sie
nicht mehr so zu mir.
Frau Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterbauch — und ich habe
das Gefühl, daß sich nun mein ganzes weibliches Leben unter ihrer Hand
geschützt findet, meine ganze innerste Weiblichkeit ist hier besser
geschützt als unter jedem Kleid.
Ja, dieser Unterrock mit den Spitzen: eine Tante hat ihn mir
geschenkt, er ist aus ihrer Jugendzeit, sagte sie. Er ist aus einem
derben Stoff geschneidert (keine Seide, oh nein, glücklicherweise nicht,
denn Seide mag ich nicht so gerne auf der Haut), und sie hatte vorher
eine breite Borte aus belgischer Spitze darangenäht, immer sichtbar,
wenn mein Rock sich mal hochschiebt — beim Spielen und Laufen im Park,
wenn ich in einem Sessel sitze oder auf einem Fahrrad, sogar im schnell
fahrenden Karrussel … „was für ein hübscher Unterrock, so viel richtige
Fraulichkeit! — so bist du Weib“ wispert Frau Katharina.
Ganz aufgelöst, losgelöst liegt mein Kopf in Frau Katharinas Arm. Sie
ordnet noch ein wenig meine Röcke, wie eine Mutter bei ihrer Tochter —
„was für ein süßes Höschen du anhast — darf ich es mal ein wenig zur
Seite schieben?“ Und mit ganz liebender und weicher Hand zieht sie es zu
sich hin, und sieht sich voller mütterlicher Anteilnahme meine fast
nackte mädchenhafte Vulva an — in mir ist Vertrauen und volle Hingabe,
volle Liebe in meinen eigenen Körper, ja sogar meine Beine gehen ein
wenig auseinander … und alles ist nun an dieser Stelle, alle meine
Aufmerksamkeit. Mein Unterkörper beugt sich sogar Frau Katharinas Blick
entgegen — da öffnet sich leise die Terrassentür, und zögernd kommt Herr
Baldhaus herein, „… darf ich?“
„Ja, du darfst, Isa ist auch offen für deinen Besuch, denn ich habe
ihr gesagt, daß du voller Liebe bist. Und sie ist auch solch´ eine
Liebevolle …“
Erst will ich meine Hand über das legen, was Frau Katharina eben
freigelegt hat, die Hand legt sich darauf, doch gleich zieht sie sich
wieder zurück — und ich fühle eine noch weitere Offenheit und Freiheit,
schließlich bin ich noch ein Kind, mit diesem Sehnen nach Anteilnahme,
Anteilnahme von allen Menschen, und es sollte nichts zu verbergen sein —
fühle ich. Ich brauche diese Anteilnahme. Das ist doch Kindsein —
Anteilnahme brauchen, oder?
„Oh, Liebste, welch süßen Engel hast du da auf deinem Schoß liegen! Hat der Himmel dir einen Boten geschickt? — eine Botin?“
„Ach, diese kleine Isa ist meine geliebte Freundin — und wir lieben uns
so innig, daß …“ Und Frau Katharina streichelt das obere Viertel meiner
Schenkel, wo sie nicht von den Strümpfen bedeckt sind, und wieder biegt
sich mein Unterkörper ihr leicht entgegen — ohne daß die Anwesenheit des
Mannes ihn aufhalten könnte.
„Liebste Katharina, du weißt, daß ich dieser Art Szenen schon immer mit
der Feder, mit dem Pinsel festhalten möchte — und auch des öfteren
festgehalten habe,“ und er sieht kurz auf das Bild an der Wand …, „darf
ich? … darf ich, verehrtes Fräulein Isa? … darf ich, liebstes junges
Fräulein?“ Beide nicken wir zustimmend, und der Herr Baldhaus setzt sich
auf einen Stuhl und beginnt mit ein paar Skizzen …
… während Frau Katharina weiter erforscht, was sie findet. „Oh Isa,
wer gab dir dieses entzückende Höschen, gewiß ein Liebster? Und wer gab
dir diesen reizenden Strumpfhaltergürtel, in rosa Seide und mit breiten
hellblauen Spitzen, gewiß dein Liebster, ja?“
„Ach nein, Frau Katharina, so einen Liebsten habe ich nicht. Ich nahm
sie heimlich von meiner Mutti. Sie verbirgt sie in ihrer Schublade, die
sie die „Schublade meiner Kindheit und meiner Jugend“ nennt. Ab und zu
darf ich mal hineinsehen und dieses und das anprobieren und mir erzählen
lassen, wie es ihr als Kind erging. Sie muß da weicher gewesen sein als
heute, heute ist sie so hart, ich meine hart für eine Frau …
Sagen Sie, Frau Katharina, geht Erwachsenwerden so? … härter werden?“ Aber sie sagt nichts dazu.
„Dieser Tage ist meine Mutti nicht da, und da ich mich für den Besuch
bei Ihnen besonders schmücken wollte — schmücken als jugendliches
liebendes Fräulein“ sage ich lachend, „habe ich mir diese Stücke einfach
genommen. Sind sie hübsch, bin ich ausreichend geschmückt damit?“
Um Herrn Baldhaus kümmere ich mich gar nicht — wie ich später sehe, hat
er uns tatsächlich in vielen Skizzen festgehalten, und Frau Katharina
hat sich und auch mich in immer neue Situationen gebracht.
Langsam lässt ihr Arm meinen Kopf los, der sinkt ganz nach hinten,
fast bis auf den Boden, doch da liegt ja ein weiches Kissen, das meine
langen Haare auffängt. Ich schließe die Augen vor Genuß und Hingebung,
manchmal werden meine Augen feucht vor Rührung, vor der Hingabe, der
heilsamen Hilflosigkeit. Einmal nimmt Frau Katharina eine Strähne meines
Haares und zieht daran, und gleichzeitig streicht ihre andere Hand an
meinem Bauch, an meinem Schenkel nach unten, erst über die Haut, dann
über das Strumpfhalterband und den Strumpf, und dabei spannt sich das
Band und der Strumpf — ein erregendes neues Gefühl, ich fühle mich ganz
als Kind. Und sie berührt ganz zart meine Vulva — und da ist es noch
mehr: mich als Kind fühlen, aufgelöst.
„Darf ich dir mal einen eigenen, besonders hübschen Hüftgürtel schenken?
Mit zwei Paar reizvollen Strumpfbändern dran, die du verstellen kannst?
Mit Spitzen und Rüschen verziert,“ fragt mich Frau Katharina. Ich sage
nichts, lasse mich nur noch mehr nach hinten sinken. Diese Hingabe,
diese Liebe, große Liebe, sie erfüllt meinen zitternden Körper, und
meine Seele zittert mit. Da ist nur Liebe in mir — „ich könnte in Liebe
die ganze Welt umarmen“ — wie ich mal gelesen habe.
Frau Katharina streicht sanft über meinen Bauch, steckt auch mal ein
paar Finger unter den Hüftgürtel, streicht unter ihm die Haut, und dann
geht die Hand über den Gürtel hinweg und streicht weiter unten langsam
weiter. Es ist wieder so warm — eine uralte Erinnerung kommt in die
Klarheit: in anderen Zeiten, scheint mir, liege ich in einer dieser
alten Wiegen, als ganz kleines Baby, auf goldenem Stroh und sonst nackt,
und alles ist warm, und eine liebevolle Hand streichelt meinen ganzen
Körper, und ich kreische vor Wonne.
Wie einem kleinen Kind zieht mir Frau Katharina mein leichtes Höschen
ganz über die Beine nach unten, ganz aus und legt es auf einen Stuhl —
ach, es ist ja gar nicht mein Höschen, ich hatte es ja aus Muttis
Schublade genommen. Ich selbst habe nur solche häßlichen Schlüpfer …
Ganz nackt fühle ich mich nun und räkele mich auf Frau Katharinas Schoß —
und lasse mich gleich wieder fallen. Ihre Hand liegt zwischen meinen
Schenkeln, dort oben, wo die Strümpfe sie nicht mehr bedecken, wo alles
nackt ist. Ja, wo alles FREI ist.
Nie wieder will ich ein Höschen anziehen, schon gerade nicht jene
schrecklichen Schlüpfer. Die Nacktheit — verborgen unter langen Röcken —
ist so natürlich, ich fühle mich so ECHT und rein wie nie zuvor. Hier
bin ich ICH. Hier bin ich das 16-jährige Mädchen Isa. Da schützen mich
meine langen und weiten Röcke vor allem, was mir gefährlich werden
könnte — nur nicht vor einer willkommenen Brise der Natur; und das
Waldmoos und die kleinen Tiere, die in ihm leben, ja, die Elfen und
Nixen dürfen mir in den Rock sehen und mein Schönstes und
Geheimnisvollstes und Mädchenhaftestes bewundern — so wie ich es auch
selbst bewundere, und Frau Katharina es auch darf.
Frau Katharina beugt sich vor und küsst meinen Leib überall, wo ihre
Lippen nackte Haut finden. Meine Vulva wird von ihren Küssen geehrt,
meine Schenkel … — ja, sie löst einen Strumpf und küsst die Haut bis zum
Knie. Sie küsst das Haarbüschelchen oberhalb der Vulva (später sehe
ich, daß Herr Baldhaus es auf den meisten Skizzen und Gemälden
weggelassen hat — für seinen Stift bin ich noch eher ein Kind als eine
16-jährige sein kann).
Frau Katharina schiebt den Strumpfhaltergürtel nach unten um meinen
ganzen Bauch mit Küssen zu ehren, und sie schiebt mein Kleid auch noch
etwas hoch. Nur meine kleinen Brüste (ich wünsche mir, daß sie nie so
groß werden) erreicht sie nicht, sie werden von der Hand liebevoll durch
den Stoff getätschelt.
Langsam hebt Frau Katharina meinen Oberkörper wieder — ich tue
wirklich gar nichts, lasse alles geschehen wie es geschieht, liege
vertrauensvoll in ihrem Arm.
Meine Kleidung wird wieder geordnet — nur das Höschen zieht sie mir
auf meinen Wunsch nicht wieder an. Auf Frau Katharinas Bitte geht Herr
Baldhaus ins Bad und kommt zurück mit einem Waschlappen, den er naß
getränkt hat mit warmem duftenden Wasser. Erst wäscht Frau Katharina
mich zwischen den Schenkeln und dann mein Gesicht. Es ist so viel
kindliche Freude, so viel kindlicher Genuß auf meiner Seite. Und so viel
mütterliche Wärme auf ihrer Seite. Ob ich je sowas Schönes wieder
erleben werde? Und schon lange — das entdecke ich nun — habe ich mich
danach gesehnt, ohne daß ich mir dessen bewußt gewesen wäre … nur ein
dumpfes, stilles Sehnen war da. Sind das verlorene Kindheitserlebnisse? —
nicht voll ausgekostet damals vor 10 oder 12 Jahren?
Später wird Frau Katharina einen kleinen seidenen Beutel holen und
mein Höschen hineintun. Ich will es ihr als Andenken schenken, doch sie
gibt es mir zurück, „du mußt es wieder in die Schublade zurücklegen, es
gehört dir ja nicht. Und außerdem bauche ich kein Andenken, DU bist das
Andenken, immer wenn ich dich sehe oder dein Bild in meine Träume kommt.
Ich setze mich vorsichtig auf und sehe erst jetzt richtig Herrn
Baldhaus, wie er mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl sitzt und sich
von der Sonne bescheinen lässt, die aus dem Garten ihre Strahlen
hereinschickt. Um ihn herum liegen lauter Skizzen in Rötelstift.
„Haben Sie uns schön gezeichnet?“ frage ich. — „Ach, meine
Zeichnungen sind schön geworden, weil IHR schön seid, ein so schönes
Paar von Mädchen und Frau.“ Später schenkt er mir ein kleines Gemälde,
eines von den vielleicht zehn oder fünzehn, die er fleißig nach den
Skizzen gemalt hat. Dieses kleine Bild ist in Pastelltönen gehalten,
hellblau, rosa — und meine Strümpfe in feinem Grau, und wie ich ganz
nach hinten übergelehnt auf Frau Katharinas Schoß liege.
Eigentlich, nach den üblichen Denkweisen, sollte mir das peinlich
sein. Ist es aber nicht, denn ich sehe, daß seine Kunst viel höher ist
als meine persönlichen Gefühle (außerdem ist mein Gesicht nicht zu
erkennen). Ich hänge es in mein Zimmer, aber meistens hängt ein feines
Tuch darüber, weil ich es für mich allein haben will.
Ich bin mal zu Herrn Baldhaus gegangen, und da hatte er für mich eine kleine Bilderausstellung in seinem Studio aufgehängt.
Es war schon sonderbar: da hing ich nun, ich meine meine Bilder. Und
es hat mich sehr tief berührt, alle diese Bilder zu sehen. Ich lehne
mich an die Wand, und unter meinem Kleid fängt mein Körper wieder an zu
zittern, ich folge dem Bedürfnis, Kleid und Unterrock hochzuraffen und
den neuen Strumpfhaltergürtel von Frau Katharina ein wenig zu ordnen,
gerade und wieder auf die richtige Höhe zurechtzuziehen, freundlich
sieht Herr Baldhaus zu mir hin und wieder in seinen Garten, und in die
Sonne, die herbstlich sanft durch das Fenster scheint, „was bist du für
ein schönes Mädchen,“ sagt er mit feiner Stimme. Und er macht wieder
Skizzen für ein neues Gemälde, ich habe aber doch wieder ein Höschen
drunter, und das ist gut, weil er mich bittet, mich für die neuen
Skizzen mit hochgezogenem Bein so auf ein Bänkchen zu setzen, daß das
Kleid sich zusammenfaltet und in der Bein-Neige sammelt. Ihr könnt das
Ergebnis auf dem dritten Bild sehen, ich meine die Skizze. Denn ein
Gemälde hat er davon auch gemacht, aber später, doch das hat er verkauft
an ein Museum für Moderne Kunst. Ich werde nun ein wenig bekannt als
Modell, obwohl auch hier mein Gesicht nicht zu erkennen ist. Auf den
Bildern nennt er mich Theresia.
Auf Herrn Baldhaus´ Bildern empfinde ich mich als Mädchen, ganz als
Mädchen, ganz als Frau (vielleicht eher als werdende Frau noch). An
seinen Bildern habe ich endlich erkannt wie reizvoll und mädchenhaft
schöne Strumpfhalter und Unterröcke sein können — wenn der Rock
hochfliegt zum Beispiel, und da haben wir Frauen wohl unseren besonderen
Spaß dran — wenn alle Kleidung darunter wirklich schön ist. Ich liebe
es, wenn ich die Mädchen so ansehen kann — und sie mich so sehen. Ich
merke, Mädchen sind mir wichtiger als Jungen, viel wichtiger.
Doch EINEN Mann beginne ich in diesen Wochen auch zu lieben: ja fast
zu begehren, ohne es ihm zu gestehen: Herrn Baldhaus. Doch was heißt
eigentlich „begehren“ für mich? Ich kann es nicht sagen, ich fühle nur
die große Sehnsucht nach ihm, wenn ich nicht in seiner Nähe bin. Fast
eine so starke Sehnsucht wie nach Frau Katharina.
Fast so oft wie ich Frau Katharina besuche gehe ich zu ihm. Nun ja,
die zwei Wochen Herbstferien bei Frau Katharina waren für mich der
Himmel. Auch Herr Baldhaus kam das eine oder andere Mal zu ihr — oder
soll ich ZU UNS schreiben? Doch weil es ihm — wie er mir erklärte —
nicht darum geht, MICH darzustellen sondern ein eher allgemeines Bild
von junger Frau oder Mädchen zu erschaffen, hat er das Gesicht und
machmal auch den Körper immer wieder verändert: er braucht lediglich
Hinweise, sagt er, durch meinen Körper …
Nicht nur, daß er so wunderbar die Seele der Mädchen malt, na ja,
hauptsächlich MEINE Seele, die so angefüllt mit Offenheit und Liebe ist —
mehr weiß ich ja nicht. Obwohl seine Mädchen äußerlich immer anders
aussehen: ich finde MICH immer wieder in seinen Bildern — ist das
übertrieben?
Bild 2
Isa´s weißer Unterrock
Aber auch, weil ich in ihm einen Mann entdecke, der keinen
stacheligen Schnurbart trägt (sondern einen sehr weichen), der nicht
raucht — etwas so wichtiges für die Liebe. Meistens kleidet er sich in
weiße oder beige lose Kleidung, eine weite Hose, ein weites Hemd, ein
weiter beige Schlapphut, und um den Hals trägt eines seiner vielen
Seidentücher, meistens in Pastellfarben. Doch trägt er auch gerne Röcke —
ich wußte nicht, daß es Männer gibt, die Röcke tragen außer in dem
berühmten Schottland.
— lange weite Röcke, die ihm eine Schneiderin näht, mit der er
befreundet ist, und die Stoffe lässt er sich aus England oder Schottland
schicken, diese schönen hellen karierten Tartan-Stoffe der schottischen
Webereien wie er mir erklärt.
Irgendwann schenkt mir Herr Baldhaus einen solchen Stoff in beige und
orange Tönen (ganz ohne schwarzen Faden darin), und er lässt mir ein
langes, weites Kleid — mit Taille! — daraus machen, von seiner
Schneiderin, in dem er mich oft malt. Mit einem blaß-grünen Seidentuch
um die Taille oder den Hals geschlungen. Ich sitze dann in seinem
niedlichen, grün bebuschten Garten auf einer Bank mit einem hellen
Bastgeflecht als Sitz, das passt gut zu meinen dunklen Strümpfen, sagt
er, oder auf dem Rasen oder auf einem Baum (es ist etwas schwierig, in
so langen Gewändern auf einen Baum zu klettern).
Wenn es sich so ergibt, lässt er bei seinen Bildern die Betrachter
auch unter meinen Rock blicken, ein wenig nur, damit alle meine „schönen
Beine und Strümpfe“ — wie er sagt — auch recht genießen können, und die
besonderen Unterröcke, die ich nach seiner Meinung trage: mit breitem
Spitzenrand.
Doch manchmal malt er mir ein gerüschtes Höschen an, und
oft ein ganzes Bündel von von weißen Spitzen-Unterröcken. „So ergibt
sich das Weibliche, das Mädchenhafte, ganz offen, leicht, hingebungsvoll
— und meist doch verdeckt,“ sagt Herr Baldhaus. „Röcke sind offen,
freundlich, Hosen aber sind zu, sie sind abweisend …, wer DAS will, für
den ist es auch richtig.“
Auch malt er Aktbilder von mir. Eher noch, wie ich älter bin, so um 18 und später .
Ich frage, „wieso lassen Sie denn die Haare weg?“ und er meint, „es
ist wohl eine Sehnsucht darin, eine Sehnsucht danach, eine Art Mensch zu
sein, die ich nicht sein kann, ich kann kein Mädchen sein — also male
ich sie eben … vielleicht ist es wohl DAS.“
Viele seiner Mädchen auf den Bildern — nicht nur mich malt er ja —
tragen kurze Röcke oder Kleider, kürzer als es normal ist. Er mag es
einfach so, dennoch hat er mir ein so langes Kleid machen lassen. „Wenn
Sie eine Tochter hätten, wie lang müssten ihre Röcke dann sein?“ frage
ich ihn. Doch er gibt mir keine Antwort, zuckt nur die Schultern und
zeigt auf eines seiner Bilder, wo ein Mädchen ein langes Kleid trägt und
lächelt dabei.
Herr Baldhaus liebt auch Frau Katharina, er sagt, „eigentlich liebe
ich alle Menschen, ich meine, ich liebe alles, ich bin voller Liebe.“ Da
verstehe ich ihn sehr gut, ich glaube, ich bin ihm da ähnlich. Und ich
sehe die beiden je und je zusammen, nicht selten bin ich dabei, und wir
fühlen uns wie eine kleine Gruppe, in der sich mütterliche und
väterliche Gefühle finden, und ich erfühle meine Tochterrolle, meine
Rolle als Kind — ja als ein Kind — ähnlich wie meine Traum-Familie, die
ich mir oft vorstelle. Obwohl beide noch viel jünger sind als meine
Eltern.
Und nun Aryaman´s Kommentar:
Balthus wird zuzeiten verstanden als ein Mädchenliebhaber, was in die
Klasse Pädophile gesteckt wird. Ist Pädophile nicht ein schönes Wort:
Mädchen-Liebhaber, Knaben-Liebhaber? Kinder-Liebhaber? Ist Liebe nicht
etwas ganz Besonderes? Gibt es überhaupt ein lebenswertes Leben ohne
Liebe? Isa sagt einiges dazu.
Gewiß war Balthus ein Mädchen-Liebhaber, warum nicht? Das Problem hat
die heutige Zeit nicht in der Liebe (vielleicht doch?), sondern in der
Gewalt, die oft mit Sex (aber nicht mit Liebe) verbunden ist, auch mit
Kindern. Ob sexuelle Gewalt mit Kindern in geordneten Friedenszeiten
wirklich so oft vorkommt wie es gesagt wird, weiß ich nicht, aber Gewalt
ist ein allgemeines Thema dieser Zeit, auch im Frieden: Überall ist
Gewaltausübung ein Weg, sich zu behaupten, sich durchzusetzen — auch
gegenüber Kindern, und Kinder werden bereits früh zur Gewalt erzogen und
angehalten.
Das aber muß Isa in dieser Geschichte nicht erleben. Weil sie ihr
Leben liebt, ihr Leben als Kind liebt, gibt sie sich hin — doch unsere
Gesellschaften würden darin immer die Gefahr von Gewaltanwendung riechen
— deswegen wird mancher meine Geschichte als gefährlich beurteilen —
und versuchen, alle Beteiligten von dieser Offenheit und Liebe
abzuhalten … mit dem Risiko, daß Isa ihr Kindsein nicht genießen und in
die späteren Jahre mit hineinnehmen kann. Und es werden ihr wesentliche
Erlebnisse fehlen, wie so vielen von uns.
Aryaman Stefan Wellershaus
Ma.Aryafrau@gmx.de